Warum Wut eine so wichtige Emotion ist: Interview mit Anita Raidl

Christin Prizelius | 01.05.24 | Interview mit Anita Raidl | © Anita Raidl

Anita Raidl ist Amazon-Bestsellerin, 4fache Podcasterin, gründete bisher drei Unternehmen und zwei Vereine, hat viele Jahre Erfahrung als Trainerin in der Erwachsenenbildung sowie als Elterntrainerin, Speakerin und Coach. Sie ist gemeinsam mit ihrer Familie nach Mallorca ausgewandert, verbindet von dort aus Menschen auf der ganzen Welt miteinander und stellt die Emotion “Wut” nochmal ganz anders und mit viel Mehrwert für uns alle in den Fokus.

Du hast schon so viel gemacht und bist Expertin für ganz viele Bereiche: kurz du bist eine Scannerpersönlichkeit. Nimm uns doch mal bitte mit auf deinen Weg. Wie bist du zu dem gekommen was du heute machst?

Ich habe schon viele Berufe und Jobs in meinem Leben gehabt und dabei immer gedacht, dass ich nicht gut und richtig bin. Es war nie der Job oder die Position, die mich erfüllt haben. Leider habe ich es nie als Qualität angesehen, über den Tellerrand hinauszuschauen und links und rechts von mir Dinge zu erkennen. Somit galt ich oft als Störfaktor in Firmen. Von außen wurden mir Attribute zugetragen wie ich sei flatterhaft, unfokussiert und ecke immer an. Dabei bin ich multifokussiert, kann mich auf viele Dinge konzentrieren und brauche auch nicht diese eine Positionierung, wie viele andere. Seitdem geht es mir besser und auch das Business geht steil nach oben. Wenn ich mit Leidenschaft dabei bin, gibt es kein entweder oder — dann ist alles möglich und der Weg zur Weltherrschaft ist jetzt meiner (lacht).

Eins deiner Themenbereiche ist ja wie gesagt Scannerpersönlichkeit. Was zeichnet Scannerpersönlichkeiten aus?

Manchmal höre ich es sei eine neumodische Erfindung, was aber nicht stimmt. Es gab das Thema der Universalgenies schon immer, schauen wir nur mal auf Leonardo da Vinci. Das wurde zur damaligen Zeit verehrt. Irgendwann ist dann aber die Industrialisierung gekommen und man hat Menschen gebraucht, die sich auf nur eine Tätigkeit konzentrieren. Ich mag es zum Beispiel in Themen richtig tief einzutauchen und wenn ich dann einen gewissen Expertenstatus erreicht habe, kommt Langeweile auf. Auf meiner Webseite gibt es zum Beispiel ein kleines Quiz mit 20 Fragen, wie man erkennen kann, ob man ein Scanner oder eine Scannerin ist.

INFOBOX: Über Scannerpersönlichkeiten

Scannerpersönlichkeiten sind Menschen, die ein breites Interesse an verschiedenen Themen haben und sich nicht auf ein bestimmtes Fachgebiet oder eine einzige Leidenschaft beschränken können. Diese Personen sind oft neugierig, kreativ und vielseitig begabt. Sie fühlen sich von vielen verschiedenen Bereichen angezogen und haben oft Schwierigkeiten, sich auf eine einzige Karriere oder Lebensrichtung festzulegen.

Scannerpersönlichkeiten genießen es, neue Fähigkeiten zu erlernen, verschiedene Hobbys auszuprobieren und sich in unterschiedliche Interessengebiete zu vertiefen. Sie können sich schnell in neue Themen einarbeiten, sind jedoch manchmal anfällig dafür, sich zu schnell zu langweilen, wenn sie sich zu lange mit demselben Thema beschäftigen müssen. Es gibt auch einiges an Literatur zu diesem Thema, die u.a. Strategien für Menschen mit breiten Interessen aufzeigen, um produktiv und erfüllt zu leben.

Wo liegen deiner Meinung nach die Chancen aber auch Herausforderungen für Scannerpersönlichkeiten in der jetzigen Zeit?

Scannerpersönlichkeiten erkennen sich irgendwie immer selbst und daher habe auch ich oft schnell das Gefühl dafür, ob ich es mit Scannern zu tun habe oder nicht. Es steht einem zwar nicht auf der Stirn geschrieben, aber man erkennt es häufig an der Art und Weise, wie sie sprechen (meistens schneller), oder ob sie oft schon gleich etwas sagen wollen (aber man wurde ja gesellschaftlich brav erzogen andere ausreden zu lassen). Vor allem das Psychische, sich unangepasst zu fühlen, ist manchmal eine Belastung. Scanner schauen am Ende des Jahres häufig nur auf das, was sie nicht geschafft haben — obwohl sie so viel Unterschiedliches einfach mal so zwischendurch machen. Webseite hier, neues Foto da, mal eben die Kinder wegbringen und so weiter. Wo einige sagen: “Wow, ich habe heute schon eine Stunde an der Webseite gearbeitet” sagt der Scanner: “Ich habe heute erst eine Stunde an der Webseite gearbeitet”. Diesen Change zu schaffen ist oft schwer. Eine Frau mit fünf Kindern erzieht ja auch nicht ein Kind nach dem anderen, sondern alle parallel, und hat am Ende doch das Gefühl “nur” Hausfrau zu sein. Es gibt leider oft Mindsetblockaden, die die Scanner davon abhalten zu sagen “Boah, eigentlich bin ich doch verdammt gut!”

Bild: © Anita Raidl

“Dieses “Jetzt hole ich mir das Leben!” haben leider viele nicht, sondern verfallen in Trauer und Selbstzerstörung. Das ist das Toxische.”

Du hast u.a. zum Umgang mit Wut den WUT-Podcast angefangen und sagst: “Es wird Zeit, dass diese großartige Emotion eine Bühne bekommt und die Menschen da draußen sehen, wie kraftvoll WUT sein kann und wie wir diese Kraft für unseren Erfolg nutzen können.” Warum eine WUT-Macherin?

“Hate” kann keiner überlesen. In dem Moment, wo ich es gesehen habe, ist es hinter meiner Netzhaut und in meinem System. Es ist eine Nachricht, die mein System erreicht. Jede Nachricht darf etwas mit mir machen, wie Trauer durch eine Beleidigung, aber wir müssen uns dann fragen, warum sie hochkommt. Wie kann ich das für mich selbst nutzen?! Wut an sich ist so kraftvoll und fast meine Lieblingsemotion. Aus der Wut heraus kann so viel mehr passieren. Formulieren wir also eine Umkehr: “Alles klar, jetzt zeig ich es dir, wir sehen uns nach dem Ziel”. Trauer hingegen löst aus, dass wir uns zurückziehen. Bei Wut hingegen kämpfen wir im Urhirn gegen das Mammut. Dieses “Jetzt hole ich mir das Leben!” haben leider viele nicht, sondern verfallen in Trauer und Selbstzerstörung. Das ist das Toxische. Mehr dazu gibt es auch in meinem WUT-Podcast.

INFOBOX: Die Emotion “Wut

Wut ist eine natürliche Emotion, die als Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung, Ungerechtigkeit oder Frustration entsteht. Sie kann sich in verschiedenen Intensitäten manifestieren, von einem leichten Ärger bis hin zu einem starken Gefühl der Erregung oder Aggression. Wut kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Auf der positiven Seite kann sie dazu dienen, uns auf eine Bedrohung aufmerksam zu machen und uns zu motivieren, etwas zu ändern oder uns zu verteidigen. Sie kann auch eine Kraft sein, die uns dabei unterstützt, für uns selbst einzutreten und unsere Grenzen zu setzen.

Auf der negativen Seite kann unkontrollierte Wut zu impulsivem Verhalten führen, das andere verletzen oder uns selbst schaden kann. Langfristig kann anhaltende Wut auch zu negativen Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit führen, wenn sie nicht angemessen bewältigt wird. Es ist wichtig, Wege zu finden, um mit Wut konstruktiv umzugehen, sei es durch Kommunikation, Entspannungstechniken, körperliche Aktivität oder das Erlernen von Stressbewältigungsstrategien. Die Fähigkeit, Wut zu erkennen, zu akzeptieren und auf gesunde Weise damit umzugehen, ist entscheidend für ein ausgewogenes emotionales Wohlbefinden.

Außerdem seid ihr aus dem schönen Österreich nach Mallorca ausgewandert. Wie kam es dazu?

Wenn man solche großen Entscheidungen trifft, dann ebenfalls meistens aus der Antriebskraft der Wut heraus. Wir haben ganz spießbürgerlich gelebt, aber irgendwann gemerkt, dass es nicht mehr zu dem Rahmen für die Onlinewelt gepasst hat, den wir uns aufgebaut hatten: wir haben ein positives Mindset und nach oben hin ist alles möglich. Dann wiederum trifft man Nachbarn, die über den Rentenbescheid jammern, oder dass der Rasen zu kurz geschnitten wurde. Der Fokus lag leider immer auf dem, was nicht gut lief. Im Winter war es zu kalt, bei Regen zu nass und im Sommer zu heiß. Die Pandemie war eine Zeit, in der viele sich getrennt haben. Wir haben allerdings gemerkt, dass es mit uns als Familie sehr gut klappt — egal, wo wir uns auf der Welt befinden. Als es dann politisch und gesellschaftlicher immer ungemütlicher wurde, haben wir nach etwas gesucht, wo es warm ist, wo wir wachsen und uns verändern können. Also fiel die Wahl auf Mallorca und auch unsere Tochter ist in ihrer Schule mit offenen Armen empfangen worden, wo es keine Noten an sich sondern mehr Projektarbeit gibt. Wir haben gesehen, dass wir nur aus unserer Komfortzone rausmüssen und dann so viel mehr möglich ist. Das Abenteuer und die Lust, unserer Tochter die Welt zu zeigen, waren so wichtig für uns bei dieser Entscheidung.

Hast du noch ein paar abschließende Worte für uns?

Du bist gut und richtig genau so wie du bist — und zwar mit all deinen Emotionen und all deinen Fähigkeiten! Geh raus und zeig es! Die Welt wäre um so vieles positiver und schöner, wenn jede und jeder sein buntes Federkleid zeigen würde. Viel mehr als “Ich bin nicht gut oder nicht richtig!” Macht mit und zeigt, was ihr Tolles drauf habt! Es kann auf diese Weise unsere Welt nachhaltig so viel schöner drehen…

Anita Raidl

ist Community-Expertin, Social Media-Expertin sowie Scannerpersönlichkeit und Expertin für Online-Sichtbarkeit. Sie setzt bei ihrer Arbeit auf Verbindung und Menschlichkeit.

Mehr zum ganzen Interview HIER im YouTubePodcast und auf Spotify.
Mehr unter: www.anita-raidl.at

Bild: © Anita Raidl


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