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Mehr als akademische Exzellenz

Christin Prizelius | 26.11.25 | Interview mit Boris Walbaum | © Pexels

Akademische Exzellenz mit Persönlichkeitsentwicklung, interkultureller Erfahrung und gesellschaftlichem Engagement: Gerade entschied sich die spanische Infanta Sofía dafür, ab Herbst am Forward College zu studieren – einer jungen europäischen Hochschule mit akademischen Abschlüssen der University of London. Durch das Studienmodell sind die Studenten das erste Jahr in Lissabon, das zweite in Paris und im dritten Jahr für den Abschluss in Berlin, wo u.a. auch Zukunftsthemen wie die künstliche Intelligenz fest im Studium verankert sind. Ergänzt wird all das durch Kompetenzen, die Maschinen nicht ersetzen können: Empathie, kritisches Denken und verantwortungsvolle Führung.

Wie bereitet man junge Menschen auf eine Zukunft vor, in der Künstliche Intelligenz viele klassische Bildungsziele obsolet macht? Boris Walbaum, Politikberater, McKinsey-Alumnus und Gründer einer der größten NGOs für Bildungsgerechtigkeit in Europa, ist überzeugt: Es reicht nicht mehr, Wissen zu vermitteln – Bildung muss Menschen dazu befähigen, unter Unsicherheit kluge Entscheidungen zu treffen, Technologie sinnvoll zu nutzen und gesellschaftlich wirksam zu handeln. Mit dem Forward College hat er gemeinsam mit Céline Boisson ein Hochschulmodell entwickelt, das akademische Exzellenz mit persönlicher Reifung und einem tiefen Verständnis für die Welt von morgen verbindet. Im Gespräch erklärt er, warum wir soziale, emotionale und praktische Intelligenz viel ernster nehmen müssen – und wie er mit Forward College ein Hochschulmodell aufgebaut hat, das genau diese Fähigkeiten ins Zentrum stellt. Boris Walbaum sagt: „Wir sollten nicht weiter Kompetenzen vermitteln, die Maschinen längst besser beherrschen!“ Er hat dazu ein paar Fragen beantwortet…

Herr Walbaum, Sie hätten eine Karriere auf hoher Ebene in der Wirtschaft oder Politik einschlagen können. Was hat Sie dazu bewogen, ein eigenes College zu gründen?

Ich habe die französische Regierung verlassen, als mir die Position des Kabinettschefs eines Staatssekretärs angeboten wurde, und McKinsey, als ich mich entscheiden musste, ob ich Partner werden wollte. Ich habe meine Abschlüsse immer als Pässe zur Freiheit gesehen – als Möglichkeit, meinen eigenen Karriereweg zu gestalten, statt vorgegebenen Bahnen zu folgen. Es waren meine Leidenschaft für Bildung und gesellschaftlichen Impact die mich dazu bewogen haben, Top-Positionen aufzugeben. Ob als Regierungsbeamter, Unternehmensberater oder Sozialunternehmer – unter anderem als Gründer der führenden europäischen Organisation für Chancengleichheit – habe ich das Hochschulsystem aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt. Dabei wurde immer deutlicher, wie groß die Lücke zwischen dem, was Universitäten vermitteln, und dem, was die Welt von Absolventinnen und Absolventen erwartet, inzwischen geworden ist. Der Aufstieg von GenAI hat dieses Gefühl der Dringlichkeit nur verstärkt.

Bei der Arbeit mit talentierten Studierenden aus benachteiligten Verhältnissen habe ich erkannt, dass sie außergewöhnliche Fähigkeiten – fast schon Charaktereigenschaften – entwickelt hatten: Resilienz, Anpassungsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Eigeninitiative. Potenziale, die enorm wichtig sind, aber im Bildungssystem kaum gefördert werden.

Gab es in Ihrem eigenen Bildungsweg einen prägenden Moment, der Ihre Sicht auf Bildung und Führung nachhaltig verändert hat?

Bei der Arbeit mit talentierten Studierenden aus benachteiligten Verhältnissen habe ich erkannt, dass sie außergewöhnliche Fähigkeiten – fast schon Charaktereigenschaften – entwickelt hatten: Resilienz, Anpassungsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Eigeninitiative. Potenziale, die enorm wichtig sind, aber im Bildungssystem kaum gefördert werden. In diesem Zusammenhang stieß ich auf Howard Gardners Theorie der „multiplen Intelligenzen”. Da wurde mir klar: Schulen und Hochschulen fördern nur einen kleinen Teil unserer menschlichen Intelligenz, nämlich Wissensaneignung und logisches Denken. Doch genau diese Intelligenzform wird durch GenAI am stärksten herausgefordert.

Sie haben Forward College gemeinsam mit Céline Boisson gegründet. Wie kam es zu dieser Partnerschaft und was eint Sie in Ihrer Vision für Bildung?

Ich hatte großes Glück, Céline gleich zu Beginn von Forward College kennenzulernen. Sie war 15 Jahre lang erfolgreiche Managerin bei Google. Sie verbindet eine große Leidenschaft für Bildung mit einem exzellenten Gespür für Marketing – entscheidend in einem reputationsgetriebenen Markt – und unternehmerischem Denken mit Wirkung. Die Zusammenarbeit ist großartig und glücklicherweise stieß ein Jahr später Jeffrey Sampson zu uns. Als früherer Leiter für Talententwicklung bei Apple ist er einer der erfahrensten Experten für Leadership Development. Es ist inspirierend zu sehen, wie solche Spitzenkräfte ihre hoch dotierten Positionen verlassen, um Teil dieses ehrgeizigen Bildungsprojekts zu werden.

Wie entstand die Zusammenarbeit mit der London School of Economics und dem King’s College und was macht das Studienmodell von Forward College einzigartig?

Die Kooperation kam über die University of London zustande, die sich für unser innovatives Lehrmodell interessierte. Es war mutig, uns als neue Institution dieses Vertrauen zu schenken, aber sie waren von unserem Ansatz und der Qualität unserer Lehrkräfte überzeugt. Die Zusammenarbeit mit der LSE ist sehr bereichernd: Sie bringt die hohen akademischen Standards, die wir mit dem Drei-Städte-Modell, innovativer Didaktik, Technologie und einem Fokus auf Leadership kombinieren.

Die Studienreise beginnt in Lissabon, im zweiten Jahr geht es nach Paris, im dritten nach Berlin. Warum diese Städte?

Céline lebt in Lissabon – eine perfekte Stadt für das erste Jahr: sonnig, sicher, nicht zu groß, man fühlt sich sofort Zuhause. Paris ist das wirtschaftliche Zentrum der EU und bietet mit der Cité Internationale Universitaire de Paris und ihren 7.000 internationalen Studierenden einen der schönsten Campi Kontinentaleuropas. Berlin ist die Hauptstadt des größten EU-Landes und eine Brücke zwischen West- und Mitteleuropa. Unsere Studierenden lieben den Berliner Vibe, das Gefühl von Freiheit und Kreativität und die damit verbundenen Möglichkeiten.

„Was wir jetzt brauchen, sind Führungskräfte, die wirklich zuhören, Brücken bauen und mutig wie methodisch handeln können. Dafür brauchen wir alle Formen menschlicher Intelligenz.”

Bild: © Forward College FACTORY — by Ludwig Jaeger

Was bedeutet für Sie „ganzheitliche Bildung” in Zeiten globaler Herausforderungen wie Klimawandel und gesellschaftlicher Polarisierung?

Ganzheitliche Bildung fördert nicht nur akademische Kompetenzen wie Wissen und logisches Denken, sondern auch emotionale, soziale und praktische Intelligenz. Genau das ist der Kern dessen, was wir am Forward College tun. Wir sind überzeugt: Die meisten unserer Probleme unserer Zeit entstehen nicht aus Wissensmangel, sondern aus Kommunikations- und Kooperationsdefiziten. Ein typischer Fall ist der Klimawandel: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind seit Jahrzehnten bekannt, und trotzdem handeln wir nicht, weil es so schwer ist, widersprüchliche Interessen zu vereinen. Gleiches gilt für die gesellschaftliche Polarisierung: Wir verstehen die Mechanismen, sie wurden in vielen Büchern beschrieben. Trotzdem scheitern wir daran, kollektiv zu handeln, um uns selbst und unsere Kinder vor einer zunehmenden Radikalisierung zu schützen, die unsere Demokratien bedroht. Was wir jetzt brauchen, sind Führungskräfte, die wirklich zuhören, Brücken bauen und mutig wie methodisch handeln können. Dafür brauchen wir alle Formen menschlicher Intelligenz.

„Dafür muss unser Bildungssystem ein breiteres Spektrum an Talenten fördern: technisches Verständnis und Neugier ebenso wie soziale und emotionale Intelligenz – und den Mut, Instabilität als Chance zu begreifen.”

Was sollte Hochschulbildung heute tun, um künftige Führungskräfte vorzubereiten?

Führungskräfte müssen technologische Kompetenz mit tief verankerten menschlichen Fähigkeiten verbinden – ein Ansatz, den man unter dem Begriff „High Tech / High Touch” kennt. Dafür muss unser Bildungssystem ein breiteres Spektrum an Talenten fördern: technisches Verständnis und Neugier ebenso wie soziale und emotionale Intelligenz – und den Mut, Instabilität als Chance zu begreifen. Gefragt sind Führungspersönlichkeiten, die in unsicheren Zeiten resilient bleiben und zugleich Vertrauen und positive Energie in ihren Teams stärken können. Das erfordert nicht nur eine Erweiterung bestehender Programme, sondern einen grundlegenden Wandel in der Art, wie wir lehren und prüfen. Soziale und emotionale Kompetenzen lassen sich nicht auf dieselbe Weise bewerten wie Informatik oder Politikwissenschaft. Wir müssen weg von einem hierarchischen, individualisierten Unterrichtsmodell hin zu einer beziehungsorientierten Didaktik, in der Lehrende als Begleiter agieren und Studierende gemeinsam lernen. Und wir müssen uns von inhaltszentrierten Curricula lösen und Programme entwickeln, die alle Formen menschlicher Intelligenz fördern – soziale, emotionale und praktische. Nicht zuletzt braucht es einen Moment des Abenteuers. Studierende sollen ins Tun kommen, Verantwortung übernehmen und in projektbasierten Formaten ihren Unternehmergeist entfalten.

Bild: © Forward College

Künstliche Intelligenz verändert den Arbeitsmarkt. Wie bereitet Forward College die Studierenden auf diese Realität vor?

Heute investieren wir 15 bis 20 Jahre in Bildung, um Wissen zu vermitteln, das KI längst besser beherrscht. Bald wird KI viele Absolventinnen und Absolventen in ihrem Fachgebiet übertreffen. Personalverantwortliche werden darauf reagieren – insbesondere bei Einstiegspositionen wie Bankanalystinnen und Bankanalysten, Beraterinnen und Berater oder Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfer. Das ist ein fundamentaler Wandel. Wer künftig herausstechen will, muss gezielt jene Formen von Intelligenz entwickeln, die Maschinen nicht ersetzen können: soziale Intelligenz, um Menschen hinter gemeinsamen Zielen zu versammeln; emotionale Intelligenz, um in einem unsicheren Umfeld ausgeglichen zu bleiben; und praktische Intelligenz, um Technologie souverän zu nutzen und unter Unsicherheit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Genau daran arbeiten wir am Forward College: Unsere Studierenden lernen mit und über KI, arbeiten im Team, durchlaufen ein Persönlichkeitsentwicklungsprogramm und leben in einem stark interkulturellen Umfeld.

Es wird zukünftig darauf ankommen, dass wir effektiv mit Maschinen zusammenarbeiten – und gleichzeitig fähig bleiben, in einer zunehmend unsicheren Welt sinnvoll mit anderen Menschen zu kooperieren. Um junge Menschen darauf vorzubereiten, braucht es grundlegende Veränderungen in der Bildung.”

Sie haben außerdem ein Buch über die Rolle von KI in der Bildung geschrieben. Was war Ihre Motivation und welche Botschaft möchten Sie vermitteln?

Mein erstes Ziel war es, das Bewusstsein zu schärfen: Wir können nicht weiter Jahrzehnte und Ressourcen in eine Bildung investieren, die Aufgaben trainiert, die KI schon heute besser kann. Es geht nicht um einen Wettkampf zwischen Mensch und Maschine – den haben wir bereits verloren. Mein zweites Ziel war es deshalb, den Blick nach vorne zu richten: Worauf wird es künftig ankommen? Darauf, dass wir effektiv mit Maschinen zusammenarbeiten – und gleichzeitig fähig bleiben, in einer zunehmend unsicheren Welt sinnvoll mit anderen Menschen zu kooperieren. Um junge Menschen darauf vorzubereiten, braucht es grundlegende Veränderungen in der Bildung. Und genau darum geht es mir mit meinem dritten Anliegen: meine Gedanken dazu zu teilen, in welche Richtung sich Bildung in den kommenden Jahren entwickeln muss.

Boris Walbaum ist Bildungsgründer, Sozialunternehmer und ehemaliger Politikberater. Nach Stationen bei McKinsey, im französischen Bildungsministerium und als Gründer der europaweit führenden NGO für Chancengleichheit („Article 1“) widmet er sich heute der Reform akademischer Bildung. Gemeinsam mit Céline Boisson gründete er Forward College – ein europäisches Hochschulmodell, das akademische Exzellenz mit persönlicher Entwicklung, Technologiebewusstsein und gesellschaftlichem Engagement verbindet. Walbaum ist 52 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Paris.

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Bild: © Forward College


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