Gemeinsam für eine bessere Welt

/ Suche
Q

Kleine Schritte schaffen Veränderungen.

Christin Prizelius | 12.06.24 | Interview mit Sara Nuru | © Robert Rieger, Thuy Pham

Die meisten kennen Sara Nuru, seit sie im Jahr 2009 den 1. Platz in der vierten Staffel der Castingshow Germany’s Next Topmodel schaffte. Seitdem ist sie nun deutschlandweit aber auch international unterwegs und als erfolgreich gebuchtes Model sowie als Moderatorin und Vortragsrednerin sehr gefragt. Außerdem hat sie uns im Rahmen ihres sozialen Engagements sehr beeindruckt. Sara ist Botschafterin für die Karlheinz Böhm Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“ und “Botschafterin für fairen Handel” für das Entwicklungsministerium. Gemeinsam mit ihrer Schwester hat sie „nuruCoffee“ sowie den Verein „nuruWomen e.V.“ gegründet und das Buch „ROOTS“ veröffentlicht. Wir durften mit ihr sprechen und waren sehr angetan von ihrer sympathischen und herzlichen Art.

Liebe Sara, du bist den meisten wohl seit 2009 bekannt, als du die Siegerin der vierten Staffel der Castingshow Germany’s Next Topmodel wurdest. Wie hat das dein Leben verändert? Wie geht es dir heute und was hat sich seitdem bei dir alles getan?

Zunächst einmal war die Sendung natürlich ein unglaubliches Sprungbrett für mich, weil ich dadurch wahnsinnig viele Chancen bekommen habe. Es bedeutet mir sehr viel, als Botschafterin tätig zu sein, und ohne die Show wäre man sonst sicherlich nicht auf mich aufmerksam geworden. Wir hatten uns zu Beginn an dem Milleniumsziel der UN orientiert, die Analphabetisierungsrate in Äthiopien bis 2015 zu senken, möglichst viele Schulen zu bauen und den Zugang zu Bildung möglich zu machen. Und was mich absolut nachhaltig beeinflusst und geprägt hat, war den Zugang zu meinen Wurzeln zu bekommen und wirklich in das Land zu gehen und zu sehen, was Armut bedeutet. Durch meine Popularität hatte ich dann die Chance, auf solche Themen aufmerksam machen zu können. In den ersten Jahren, bestimmt die ersten vier Non-Stop, habe ich zunächst aktiv als Model gearbeitet, bis ich aber einen Wendepunkt hatte und merkte, dass ich zurücktreten muss, um herausfinden zu können, was ich wirklich möchte. Man gewinnt in so einer Sendung und plötzlich ist man über das ganze Land hinweg bekannt, sehr gefragt und jeder möchte mit einem arbeiten.

“Und das im Hinterkopf zu haben, lässt einen das eigene Tun sehr häufig hinterfragen: „Warum mache ich das? Und was ist der größere Sinn hinter dem Ganzen?“”

Ich war für all das unglaublich dankbar, habe aber auch gemerkt, wie zerrissen ich zwischen diesen beiden Welten war. Ich wusste irgendwann nicht mehr, wohin ich gehöre. Man war fast 365 Tage unterwegs und quasi auf der Überholspur, aber gleichzeitig hat man auch das Leben in Äthiopien gesehen. Auf der einen Seite hatte ich dieses Privileg, in der westlichen Welt zu leben, und auf der anderen Seite gab es den Grund der Perspektivlosigkeit, weshalb meine Eltern damals nach Deutschland gekommen sind. Und das im Hinterkopf zu haben, lässt einen das eigene Tun sehr häufig hinterfragen: „Warum mache ich das? Und was ist der größere Sinn hinter dem Ganzen?“ All das hatte zunächst dazu geführt, dass ich eine Auszeit nahm sowie reflektieren und herausfinden musste, wer ich bin, was ich will und was mich wirklich erfüllt. Über ein Buch kam ich schließlich mit meiner Schwester zu dem Entschluss, das Unternehmen „nuruCoffee“ und den Verein „nuruWomen“ zu gründen. Darüber bin ich jetzt dankbar und es macht mich stolz.

Du bist unter anderem als erfolgreich gebuchtes Model sowie Moderatorin und Vortragsrednerin unterwegs. Wenn du jungen Frauen, die auch ins Modelbusiness einsteigen möchten, einen Tipp geben würdest, welcher wäre das?

In meinen Augen ist es zunächst einmal wichtig, sich mit dem Thema wirklich auseinanderzusetzen. Also warum man Model werden möchte und worum es einem geht. Geht es einem tatsächlich um die Mode oder darum, bekannt zu werden?! Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Es gibt viele Models, die man nicht kennt, und die trotzdem erfolgreich sind, mit dem was sie tun. Somit ist die Frage unerlässlich, was das Ziel ist und was man wirklich möchte. Viele wollen die Welt bereisen, aber dafür sollte man vorher mal „Work and Travel“ oder „Backpacking“ machen. Auf diese Weise sieht man nämlich viel mehr von der Welt. Beim Modeln kommt man zwar sehr viel rum, aber sieht leider wenig von den Locations an sich – es sei denn du bist für einen Auftrag mehrere Monate in einer Stadt tätig. Aber kommen wir mal zu den Tipps. Einer davon wäre definitiv, sich bei den fünf größten und seriösesten Agenturen zu bewerben und dort hinzugehen. Solche Castingshows dienen mittlerweile ja mehr der Bekanntheit oder um auf Social Media Reichweite zu bekommen, als dass man wirklich aktiv als Model rumkommt.

Wie vereinbarst du das Modeln außerdem mit deinen Gedanken über Fair Fashion?

Bisher habe ich das in der Tat ganz gut hinbekommen. Natürlich versuche ich es, aber es ist trotzdem nicht immer einfach. Auch hier muss man sich überlegen, auf welcher Position man ist. Wenn man ein junges, aufstrebendes Model ist und noch keine Rücklagen gebildet hat, kann man nicht wählerisch sein und muss jeden Job annehmen, den man bekommt. Leider ist die Modeindustrie noch nicht so weit, dass alle nachhaltig denken. Der Wandel passiert aber und immer mehr Marken gehen in diese Richtung. Auf der anderen Seite bleibt es ein Job. Privat habe ich einen Einfluss darauf, was ich trage, wo ich einkaufe und was ich beziehe, ob ich Vintage oder von kleinen lokalen Labels kaufe et cetera. Aber wenn es darum geht, seine Miete zu bezahlen, schaut man, wo man bleibt, und kann sich das nicht immer aussuchen. Umso dankbarer bin ich jetzt natürlich für meine Position, mir aussuchen zu können, mit wem man zusammenarbeitet. Und um so froher bin ich selbstverständlich auch, wenn es um Themen mit einem nachhaltigen Ansatz geht – wie jetzt beispielsweise bei „H&M“ mit der „Conscious Collection“. In meinen Augen sollte man besonders die großen Labels in die Verantwortung nehmen und wenn die Großen mitmachen, kann ein ernsthafter Wandel entstehen. Diesen Wandel habe ich gerne unterstützt und war somit auch gerne das Gesicht der Kampagne. Wenn es geht, versuche ich es, habe aber wie gesagt nicht immer Einfluss darauf. Ich kann leider nicht nur Jobs annehmen, die komplett nachhaltig sind. Dann würde ich nicht gar mehr arbeiten. Dafür kann ich die Marken aktiv fragen, was sie in der Richtung machen, wie weit sie sind und einen Dialog starten — und mir gegebenenfalls auch erklären lassen, was sie daran hindert es nicht zu tun.  

Bild: © Robert Rieger, Thuy Pham

Des Weiteren bist du sozial sehr engagiert. Was sind da gerade deine größten Herzensprojekte? Was sind Themen, für die du dich besonders gerne einsetzt und warum?

Grundsätzlich liegt mir immer das Wohl von Frauen mit dem Stichwort Gleichberechtigung am Herzen. Aber das ist losgelöst und übergeordnet. Es ist mein Anliegen, dass die Frauen wirklich endlich gleichberechtigt sind, wobei wir da noch einen langen Weg vor uns haben. Aktuell sind es Projekte für und mit äthiopischen Frauen über unseren Verein, aber auch die Themen „nachhalte Produktion und Konsum“ sind mir sehr wichtig. Bewusster Konsum ist etwas Übergeordnetes, was mich umtreibt. Nicht jeder hat das Geld, alles in diese Richtung zu tun, aber jeder kann entscheiden, trendgetrieben einzukaufen oder ob er weniger konsumiert, sich für Klassiker entscheidet und allgemein bewusster einkauft. Es ist mein Wunsch, dass wir alle bewusster mit unserem Konsum sind und nachhaltig damit umgehen. 

Seit Jahren bist du außerdem als Botschafterin für die Karlheinz Böhm Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“ aktiv. Warum liegt dir das so am Herzen und was kann eventuell auch jeder Einzelne von uns tun?

Mit der Karlheinz Böhm Äthiopienhilfe — Stiftung „Menschen für Menschen“ verbindet mich schon eine ganz lange Zusammenarbeit. Ich habe dadurch so viel gelernt, was ich heute auch für meinen eigenen Verein einsetzen kann. Diese Arbeit hat mir im Grunde den Zugang zu meinen Wurzeln sowie den Einblick und das Verständnis gegeben, woher ich komme, und schon alleine deshalb habe ich so eine enge Verbundenheit. Es ist nicht nur eine klassische Botschaftertätigkeit, sondern die Zusammenarbeit mit „Menschen für Menschen“, die so tief ist. Mittlerweile bin ich sogar stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums. Wir versammeln uns mehrmals im Jahr, werfen einen Blick auf die Zahlen und haben eine beratende Funktion. Ich habe dadurch Einblicke in die tatsächliche Entwicklungsarbeit bekommen wie Fundraising, PR und Marketing, aber auch welche Maßnahmen welchen Impact haben und warum der ganzheitliche Ansatz so viel wirksamer ist, als den Fokus rein auf Wasser oder Gesundheit und Prävention zu legen. Ich bin mit dieser Stiftung groß geworden und wenn man im jungen Alter schon in Berührung mit NGO´s oder überhaupt sozialem Engagement kommt, hat das durchaus eine langfristige Wirkung. Bei mir ist es sogar so weit gegangen, dass ich mein eigenes Business gestartet habe, das einen sozialen Aspekt hat. Oder dass ich einen Verein gegründet habe. Aber ich sehe es auch bei anderen, die sehr früh damit in Berührung gekommen sind, dass sie beispielsweise in ihrem Erwachsenenleben in der Entwicklungshilfe sehr motiviert und angetrieben oder überhaupt sozial engagiert sind, und die Welt ein Stück besser machen möchten. Deswegen kann ich es jedem jungen Menschen nur ans Herz legen, sich so früh wie möglich sozial mit Themen auseinanderzusetzen, die einen wirklich berühren. Das können Afrikathemen genauso sein wie Umweltthemen oder lokale Projekte, wie man beispielsweise eine Brücke zwischen alt und jung schafft. Ich denke da an Kitas, die man mit Rentnern zusammenbringen könnte, oder dass man Begegnungsstätten aufbaut. Aber man kann auch bei den Asylbewerbern und der ganzen Flüchtlingspolitik ansetzen und nicht nur auf die Politik schimpfen und hoffen. Am Ende trägt jeder Einzelne von uns eine Mitverantwortung und kann einen noch so kleinen Beitrag leisten. Es gibt so viele Möglichkeiten. Man muss nur eine Entscheidung treffen und sich Zeit dafür nehmen.

Im Rahmen dieser Arbeit machst du dich für das Bildungsprojekt „Generation ABC-2015“ stark, bist dafür bundesweit an Schulen tätig und hast in Äthiopien bereits die Sara-Nuru-Schule eröffnet. Welche Erfahrungen hast du in hier machen dürfen? Hat sich deine Sicht auf die Welt dadurch verändert?

Ich habe schon so viel Tolles in meinem Leben sehen, erleben und erfahren dürfen, aber dort bei dieser Schuleröffnung zu sein, war definitiv einer der schönsten Momente in meinem Leben. Gar nicht mal weil die Schule stellvertretend meinen Namen trägt, sondern viel mehr aufgrund der Tatsache, dass ich drei Jahre nach meinem Versprechen wiedergekommen bin und dieses Versprechen für die gleichen Menschen nun einlösen konnte. Das Projekt ist durch das Engagement von Schülerinnen und Schülern in Deutschland entstanden. Egal ob durch ein Benefizkonzert oder einen Spendenlauf, bei dem sich die Kinder für jeden gelaufenen Kilometer einen Euro haben geben lassen, oder Grundschüler, die für jeden gelesenen Satz von ihrer Familie zehn Cent gespendet bekommen haben. All das ist in das Projekt eingeflossen. Und es ist so schön zu wissen, dass diese Schule in Äthiopien entstehen konnte, weil diese Schüler sich in Deutschland dafür eingesetzt haben. Es bedeutet mir sehr viel und macht mich stolz, ein Teil davon und die Brücke zwischen diesen beiden Ländern gewesen zu sein. Das hat mich so mit Sinn erfüllt. Und so hat es doch etwas Gutes und kann sinnvoll von mir genutzt werden, dass ich damals bei dieser Sendung mitgemacht habe und jetzt diese Aufmerksamkeit bekomme. All das hat mir sehr viel Kraft gegeben.  

“Das ist meine persönliche Intention, nicht nur die Botschaft nach außen zu tragen, sondern im Innern etwas zu bewegen. Es passiert zwar schon viel und wir sind auf einem guten Weg, aber es braucht noch mehr.”

Du setzt dich außerdem sehr für das Bewusstsein in nachhaltigem Konsum sowie nachhaltiger Produktion ein und bist in diesem Rahmen als “Botschafterin für fairen Handel” für das Entwicklungsministerium aktiv. Welche Bedeutung hat das für dich? Wie genau arbeitest du hier als Botschafterin?

Wie schon gesagt ist es ein Thema, das mich sehr beschäftigt. Also wie wir es schaffen können, die Umwelt und die Entwicklung der Ursprungsländer durch unseren Konsum zu unterstützen. Und das mit der Botschaftertätigkeit ist natürlich ein wahnsinnig tolles Gefühl. Zum Einen, dass der Entwicklungsminister mich gebeten hat, diesen Posten zu übernehmen und mit ihm gemeinsam das Thema noch breiter in die Öffentlichkeit zu bringen. Aber gleichzeitig auch aktiv zu werden und mit meinem Social Business „nuruCoffee“ habe ich genau dieses Ziel. Wir setzen uns täglich damit auseinander, wie man es schafft, äthiopischen Kaffee so nachhaltig, fair und transparent wie möglich in Deutschland zu vertreiben. Wir möchten die Geschichten der Bauern erzählen, ohne gleichzeitig die Bedürftigkeit in den Vordergrund zu stellen, sondern viel mehr Handel auf Augenhöhe betreiben. Ich denke, dass es dem Ministerium vor allem gefallen hat, dass es bei uns auf so eine authentische Art und Weise passiert. Meine Schwester und ich leben genau das tagtäglich in unserem Business. Somit weiß ich, worüber ich spreche, war vor Ort und verstehe worum es geht. Ich habe gesehen, wie es den Bauern geht, wenn Großgrundbesitzer die Preise bestimmen und dann gezwungen sind, den Kaffee so günstig wie möglich abzugeben und am Ende gar nichts bekommen. Somit sehe ich meine Aufgabe als Botschafterin vor allem darin, in erster Linie ein Bewusstsein zu schaffen und den Menschen das Thema näherzubringen. Aber nicht auf einer politischen Art und Weise, sondern viel mehr auf einer ungezwungenen. Ich finde es gut, dass die Regierung zu Botschaftern greift, die wissen worum es geht. Wir waren gemeinsam schon auf vielen Veranstaltungen, aber ich möchte auch wirklich aktiv werden und schauen, wie man in Äthiopien in dem Kaffeesektor noch etwas machen kann und tatsächlich etwas verändert wird. Daher bin ich gerade in vielen Gesprächen, um zu schauen, wie man im Ursprung etwas verändern kann. Das ist meine persönliche Intention, nicht nur die Botschaft nach außen zu tragen, sondern im Innern etwas zu bewegen. Es passiert zwar schon viel und wir sind auf einem guten Weg, aber es braucht noch mehr.

Bild: © Robert Rieger, Thuy Pham

Außerdem hast du gemeinsam mit deiner Schwester „nuruCoffee“ gegründet. Bitte erzähle uns etwas darüber. Warum Kaffee und wie bist du von “Germanys next Topmodel” auf diese Weise zur Unternehmerin geworden?

Zunächst einmal hat alles mit einem Buch angefangen, das ich in meiner gefühlten Selbstfindungsphase von einem Freund bekommen habe. Ich hatte bereits vier Jahre lang die Welt bereist und war wenig zu Hause, hatte dann aber einen entscheidenden Wendepunkt in meinem Leben. Das war als ich nämlich den teuersten Eisbecher der Welt probieren sollte. Dieser hat damals 1.000,00€ gekostet. Ich erinnere mich, wie ich den mit Blattgold versehenen und mit Schokolade von teuren Kakaobohnen aus Madagaskar verzierten Eisbecher schlürfen und dabei in die Kamera gucken sollte und mich dabei einfach nicht gut fühlte. Das ging mir zu weit. Diese Botschaft sollte suggerieren, dass genau das erstrebenswert ist, aber für mich war das absurd. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie viele Frauen für dieses Geld einen Kredit bekommen könnten. All das war in einer Zeit, in der ich nicht wusste, wer ich war und wohin mit mir. Auf dem Rückflug von dieser Veranstaltung war mir nur klar: „Das war´s jetzt, ich kann dahinter nicht stehen!“ Das war es nicht, was ich wollte, und in dieser Zeit bekam ich das Buch „Start something that matters“ in die Hände. Darin geht es um einen Gründer, der ein Social Business gestartet hat. Diesen Social Entrepreneurship-Ansatz kannte ich vorher gar nicht. Aber mir gefiel die Idee, durch wirtschaftliches Handeln Gutes zu tun.

“Hier geht es nicht darum, auf die Barmherzigkeit der Menschen zu hoffen, sondern ein Produkt zu vertreiben, mit dem man Gutes bewirkt.”

Hier geht es nicht darum, auf die Barmherzigkeit der Menschen zu hoffen, sondern ein Produkt zu vertreiben, mit dem man Gutes bewirkt. Das hat mir gefallen und gleichzeitig fand ich, dass das Thema NGO auch einen neuen Schwung braucht. Uns war relativ schnell klar, dass wir Äthiopien unterstützen möchten und Kaffee dabei ja Exportgut Nummer Eins ist. Meine Eltern sind Mitte der 80er Jahre aufgrund von Perspektivlosigkeit nach Deutschland gekommen und daher wollten wir mehr Perspektive in diesem Land vor Ort schaffen. Die wenigsten wissen, dass Äthiopien das Ursprungsland des Kaffees ist, also passte das perfekt. Wir trafen nun den Entschluss, mit dem Kaffeehandel Gutes zu tun. Es war im Grunde eine sehr pragmatische Entscheidung, sich für Kaffee zu entscheiden, aber gleichzeitig wollte ich zu dem Zeitpunkt auch einfach nichts mit Mode zu tun haben. Wir beziehen Kaffee von Kleinbauernkooperativen und nicht über den kommerziellen Handel, weil wir auf diese Weise direkt mit den Bauern und nicht mit zig Zwischenhändlern sprechen können. Die Bauern bestimmten auf diese Weise den Preis und es bleibt mehr bei ihnen. Als Einkäufer von Kaffee kann man hier also ganz genau hinschauen und darauf achten, dass die Produktion so fair wie möglich ist. Der Kaffee kostet vielleicht bei uns etwas mehr, aber ja nur deshalb, weil wir mehr im Ursprung lassen. Dass diejenigen, die in der Wertschöpfungskette ganz am Anfang stehen, auch etwas davon haben. Unser Kaffee ist „Fair Trade“ und „biozertifiziert“ – auch wenn es das Unternehmen selbst noch nicht ist, aber daran arbeiten wir, ohne dass die Frauen aufgrund von höheren Kosten drunter leiden müssen. Ein Teil der Einnahmen durch den Verkauf des Kaffees fließt in unseren Verein, wodurch wir einerseits die Vergabe von Mikrokrediten unterstützen und andererseits noch über den Verein die Abwicklung gewährleisten können. Hier haben wir uns dafür entschieden, dass genau die Frauen davon profitieren, die nicht vom Kaffeehandel leben, denn nicht jede Region in Äthiopien eignet sich für den Kaffeeanbau. Und um den Kreis zu schließen, wollen wir also den Frauen helfen, die gar keinen Zugang zu Einkommen in dieser Richtung haben. 

Du hast außerdem das Buch „ROOTS: Wie ich meine Wurzeln fand und der Kaffee mein Leben veränderte.“ geschrieben. Auf welchen Weg nimmst du deine LeserInnen hier mit? Was teilst du darin mit uns?

Ich muss gestehen, dass ich viel Zeit für die Entscheidung brauchte, überhaupt ein Buch schreiben zu wollen. Mir stellte sich die Frage, wer denn das lesen sollte, meine Geschichte überhaupt hören will und was ich denn schon zu erzählen hätte. Vor einigen Jahren hatte ich zwar bereits Visionen und „nuruCoffee“ war im Aufbau, aber ich musste das ja erst einmal leben. Im letzten Jahr habe ich mich dann aber dafür entschieden, weil ich es in der ganzen Zeit der Selbstfindungs- und (Um-) Orientierungssphase so sehr geschätzt habe, Geschichten von anderen Frauen zu hören. Überhaupt Menschen, die es gewagt haben, neue Wege zu gehen und sich genau so wie ich abgerackert haben. Und mit diesem Buch möchte ich aufzeigen, dass egal woher wir kommen und welchen Hintergrund wir haben, am Ende des Tages alle etwas tun wollen, was uns erfüllt. Aber ich möchte den LesernInnen auch aufzeigen, dass Mut immer –und ich sage wirklich immer– irgendwann belohnt wird. Es ist gut seinen eigenen Weg zu gehen und wieder mehr auf seine Intuition hören und dieser auch folgen. All das möchte ich mit dem Buch vermitteln. In dem gesamten Schreibprozess ist mir aber selber auch aufgefallen, dass um den Leuten meine Motivation für „nuruCoffee“ näherbringen zu können  und woher sie kommt, ich auch erzählen muss, woher ich überhaupt komme. Obwohl es gar nicht das Ziel war, ist dabei gleichzeitig ein Buch über Integration entstanden und drüber was es heißt, die erste Generation hier zu sein. Man wird mit einem ganz anderen Bewusstsein groß und wie privilegiert man ist. Was für ein wahnsinniges Glück man hat, diese Chance zu bekommen und disese dann auch nutzen muss. Also ist es im Ergebnis auch eine indirekte Liebeserklärung an meine Eltern. Sie haben sich für mich und meine Geschwister aufgeopfert, um das Leben führen zu können, das wir jetzt haben. Aber auch, dass wir so viel Glück hatten, so herzlich in Deutschland aufgenommen worden zu sein. Es ist eine Geschichte von gelungener Integration, tollen Menschen und zeigt schöne und positive Beispiele — bei all den negativen Nachrichten jeden Tag. Dass es vor über 30 Jahren auch Menschen gab, die uns herzlich willkommen geheißen haben. Meine Mutter wurde wie eine Schwester behandelt, ihr wurde eine Wohnung zur Verfügung gestellt und meine Geschwister wie eigene Kinder aufgenommen. Wir wurden bei Behördenhängen unterstützt und meiner Mutter wurde das Fahrradfahren beigebracht. Es gab damals großartige Menschen und die gibt es auch heute noch. Keiner verlässt freiwillig sein Land, daher möchten wir Perspektiven im eigenen Land schaffen. Darum geht es in dem Buch, das hoffentlich vielen zugänglich ist.

Bild: © Robert Rieger, Thuy Pham

Mit dem Kauf des Buches spendest du dann jeweils 1€ an nuruWomen e.V. Was macht dieser Verein? Wofür setzt du dich hier ein?

Genau. Über unseren Verein „nuruWomen“ vergeben wir Mikrokredite an Frauen, sodass diese sich ein eigenes Business aufbauen und auf diese Weise ihre Existenz sichern können. Dieser Kredit ist eine Starthilfe und liegt zwischen 190,00 und 350,00 €. Wir spenden einen Teil der Bucheinnahmen, damit sich die Frauen, wie meine Schwester und ich, ihren Traum ebenfalls verwirklichen und ein eigenes Business starten können.

Du hast bereits viel davon gesprochen und lebst es ja auch vor, wie du nachhaltig die Welt verändern möchtest. Was braucht es in deinen Augen global gesehen dafür und wie können wir alle für eine positive Veränderung sorgen? Welche Impulse hast du, wie jeder von uns im Kleinen damit anfangen kann — beispielsweise durch Mülltrennung, wie wir mal lesen konnten?

In erster Linie muss man tatsächlich Verantwortung übernehmen und darf nicht darauf hoffen, dass es jemand anderes macht. Das ist schon mal die eine Sache und beginnt bereits bei der Mülltrennung: Wenn es die Nachbarn nicht tun, brauche ich es ja auch nicht machen. Viel mehr sollte man ein Beispiel sein und dann folgt der Nachbar einem automatisch. Dann gibt es aber auch Kleinigkeiten wie zum Beispiel beim Zähneputzen oder Haarewaschen einfach zwischendurch das Wasser abzustellen. Man denkt anders, wenn man einmal gesehen hat, was für Strecken Menschen zurücklegen, um an sauberes Wasser zu kommen. Ich mag es überhaupt nicht, wenn unnötig Wasser verschwendet wird. Und eine andere Sache ist „Kleider-Sharing“, was ich mit meinen Geschwistern oder besten Freunden viel mache. Wir haben fast alle die gleiche Größe und tauschen unsere Kleidungsstücke. Man sollte auch nicht jeden Trend mitmachen, weil diese vergehen. Außerdem fahre ich in Berlin fast nur mit dem Fahrrad, weil ich beruflich schon viel fliege. Bevor man hier nämlich versucht, perfekt zu sein, denn das ist kein Mensch, kann man Dinge einfach kompensieren und ausgleichen. Daher mag ich die Anklagen gegen Leute auch nicht, die viel fliegen müssen. Am Ende des Tages kann jeder etwas tun und viele kleine Schritte ergeben etwas Großes und schaffen Veränderungen. Das ist wichtig bei diesen ganzen Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen. Langsam und im Kleinen, aber dafür kontinuierlich.

“Ich würde mir einfach wünschen, dass die Gesellschaft wieder mehr verbunden ist…”

Wenn du einen Wunsch frei hättest, welcher wäre das?

Puh, das ist schwierig! Ich habe so viele Wünsche und will so viel vom Leben… (lacht). Ich würde mir einfach wünschen, dass die Gesellschaft wieder mehr verbunden ist – und zwar mehr offline als online. Die Digitalisierung hat ohne Frage viele Vorteile, aber ich habe Angst, dass wir im Alltag die Verbindung zu den Menschen verlieren und nicht mehr aufeinander zugehen…

Mehr unter: www.saranuru.com

Das ganze Interview wurde in einer vorherigen Ausgabe des Magazins “Pure & Positive” veröffentlicht.


Mehr aus unseren Kategorien