„Du kannst etwas ändern – jeden Tag und zu jeder Zeit.“

Christin Prizelius | 12.07.23 | Interview mit Franziska Wulff (Vorstand Jane Goodall Institut) | Foto: © Andrew Zuckerman
Was bedeutet Ihnen die Arbeit im Vorstand des Jane Goodall Instituts Deutschland? Was haben Sie bisher davon mitgenommen und was war dabei sehr prägend für Sie?

Die Arbeit im Jane Goodall Institut ist die Erfüllung eines Jugendtraumes. Schon als junges Mädchen habe ich das erste Buch von Dr. Jane Goodall “Wilde Schimpansen” verschlungen und mich nach Gombe in Tansania zu dieser faszinierenden Schimpansen-Gruppe mit all ihren unverwechselbaren Individuen geträumt. Später hat mich Janes vielfältige und unermüdliche Arbeit als Umweltaktivistin und UN-Friedensbotschafterin tief beeindruckt! Eine Projektreise nach Tansania „Auf den Spuren von Jane Goodall“ gab dann den letzten Anstoß: Zu sehen, wie die vielen Hoffnungsträger, die Jane gesetzt hat, wachsen und gedeihen, weil sie der „Win-Win-Win“-Formel für Tiere, Menschen und Umwelt folgen, hat mich begeistert und den Wunsch geweckt, dabei mitzuwirken, diesem ganzheitlichen Ansatz die verdiente Aufmerksamkeit zu verschaffen. So nahm ich die Einladung, den Vorstand des deutschen Jane Goodall Instituts zu ergänzen, mit großer Freude an.

„Die Veränderung geschieht durch Zuhören und Dialog mit Menschen, die etwas tun, von dem Sie glauben, dass es nicht richtig ist.“ —  Jane Goodall

Unser kleines, vorwiegend ehrenamtlich arbeitendes, Team ist bunt gemixt und jede und jeder hat dabei eigene Schwerpunkte. Alle sind mit Feuer und Flamme dabei und wir ergänzen uns gegenseitig ganz wunderbar. Uns alle eint der Wille, Janes Vision von einer friedfertigen Koexistenz von Mensch, Tier und Umwelt zu den Menschen zu bringen, getreu dem Grundsatz, dass jede und jeder von uns an jedem Tag dieser Welt ein positiveres und zuversichtlicheres Gesicht verleihen kann.

Die Arbeit des Instituts hat den Erhalt und die Förderung des respektvollen Umgangs mit Mensch, Tier und Natur zum Schwerpunkt. Der Verein widmet sich den Gebieten eines umfassenden globalen Natur- und Artenschutzes, der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung sowie der globalen Entwicklungszusammenarbeit. Können Sie uns hier bitte mal ein bisschen zu der täglichen Arbeit und den Projekten mitnehmen und etwas darüber erzählen?

Unsere Aufgabe – und die der anderen Institute weltweit – ist es vor allem, die vielfältigen Projekte in Afrika bekannt zu machen und Spenden, Patenschaften und Mitglieder zu akquirieren, damit die Arbeit vor Ort überhaupt möglich wird. Zu diesen lokalen Projekten gehört einerseits natürlich die Arbeit in den Auffangstationen z.B. im Kongo oder in Uganda für entwurzelte Schimpansen. Unter ihnen sind häufig Babys getöteter Schimpansen aus dem Buschfleischhandel, die dann als „Kuscheltiere“ an private Haushalte verkauft werden und die dank der zunehmenden Aufmerksamkeit in der Bevölkerung konfisziert und in die Auffangstationen gebracht werden. Diese Schutzstationen arbeiten dann daran, die traumatisierten Tiere zu rehabilitieren und sie auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten. Das ist eine sehr aufwändige und komplexe Arbeit, da Schimpansen wie wir Menschen erstmal sehr viel lernen müssen, um in ihrer Umwelt bestehen zu können. Dieser Prozess kann bis zu 10 Jahre oder länger dauern.

Der ganzheitliche Ansatz des Jane Goodall Instituts bedeutet aber eben auch, dass die Menschen vor Ort einbezogen werden müssen. Es hilft nichts, nur die Schimpansen zu retten, wenn die Menschen in diesen Lebensräumen keine andere Möglichkeit des Lebensunterhaltes für ihre Familien sehen als Wilderei oder Abholzungen. Das bedeutet vor allem, dass Alternativen angeboten werden müssen, also andere Jobs wie z.B. Ranger oder Pfleger oder die Teilnahme an gemeindebasierten Programmen zur Schulung in nachhaltiger Landwirtschaft, wie Wiederaufforstung, Kaffeeanbau oder Bienenhaltung zur Honigproduktion. Aber auch die Einbeziehung von Bildungsprojekten, speziell von Mädchen oder aber die Frauenförderung durch Mikrokredite, wären hier zu nennen.

Foto: © Roots & Shoots event Chicago by Bill Woolam

Das Ziel all dieser Maßnahmen ist immer die nachhaltige Koexistenz von Mensch und Tier in der jeweiligen Umwelt. Und das Wunderbare – und für uns alle immer wieder Motivierende – ist, dass diese Projekte, die zum Teil seit über 30 Jahren laufen, tatsächlich beachtliche Erfolge zeigen. Unser persönlicher Anteil an dieser Arbeit in Deutschland dient vor allem der Generierung von Aufmerksamkeit und finanzieller Unterstützung. Und das passiert auf ganz unterschiedliche Art. So schließen wir strategische Kooperationen mit anderen Unternehmen, wie z.B. mit der nachhaltigen Modefirma Elemente Clemente oder dem sozialen Unternehmen Villageboom. Weiterhin organisieren wir Vortragsreihen wie im letzten Jahr zusammen mit BOS (Borneo Orangutan Survival Foundation) zum Thema Zoonosen und den Konsequenzen, die entstehen, wenn wir zu weit in den Lebensraum der Tiere eindringen. Zudem beziehen wir Stellung zu aktuellen Themen wie der Zoohaltung von Primaten, unterstützen Petitionen wie die zum Verbot privater Feuerwerke (mit der Deutschen Umwelthilfe und dem TASSO e.V.) und kritisieren zusammen mit einer ganzen Gruppe anderer Natur- und Tierschutzorganisationen ganz aktuell lautstark die Messe Jagd&Hund, auf der eine große Anzahl von Veranstaltern von Jagdtrophäenreisen vertreten sind. Und beantworten natürlich gerne die vielen Anfragen aus den Medien zu verschiedenen Themen.

„Ich bin absolut überzeugt, dass Evolution stattgefunden hat. Aber allein dieses Faktum negiert nicht meinen Glauben an die spirituelle Macht.“ Jane Goodall

Im Jahr 1960 zog Jane nach Tansania, um Schimpansen zu beobachten. Ist Ihnen das Schlüsselerlebnis bekannt, weshalb sie sich dann ihrer Vision verschrieben hat? Was bedeutet es Jane, von Kofi Annan zur UN-Friedensbotschafterin ernannt worden und hier unterwegs zu sein? 

Dr. Jane Goodall war bis in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem als Verhaltensforscherin in Gombe (Tansania) tätig, um über unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, zu forschen. Und das tat sie mit großer Leidenschaft und beachtlichem, weltweit anerkanntem Erfolg. Bei einer Konferenz über Primatenforschung Mitte der 80er Jahre wurde die sich immer weiter verschlimmernde Situation für Primaten durch Abholzungen und Lebensraumzerstörung aber so deutlich, dass ihr klar wurde, dass sie nun das „Paradies“ in Gombe verlassen musste, um es zu erhalten. Sie kehrte von der Konferenz als Umweltaktivistin zurück und ist seitdem bis zum Ausbruch der Pandemie etwa 300 Tage im Jahr in der Welt unterwegs gewesen, um für ihre Mission zu werben und Unterstützung zu finden. Und auch in der Pandemie konnte sie dank der neuen digitalen Möglichkeiten weltweit sogar noch mehr Menschen erreichen als es physisch mit Reisen möglich gewesen wäre. Die Ernennung zur UN-Friedensbotschafterin im Jahr 2002 durch Kofi Anan war für Jane natürlich eine überaus große Ehre! Diese Rolle öffnet ihr seitdem weitere Türen, die ihr möglicherweise verschlossen gewesen wären. So nutzt sie u.a. die Gelegenheit, jedes Jahr beim Weltwirtschaftstreffen in Davos zu sprechen, um einflussreiche Vertreter der Wirtschaft zu erreichen.

Sie wollen außerdem das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge fördern und den Rahmen für individuelle Handlungsmöglichkeiten erweitern. Welche Ansätze haben Sie dafür?

Wichtig ist uns, zu vermitteln, dass es eben nicht immer nur um die Projekte in Afrika geht, die unseres Engagements bedürfen. Jede und jeder kann vor der eigenen Haustür schauen, was im Rahmen der individuellen Situation möglich ist, sei es die Teilnahme an Petitionen, bewusste Kaufentscheidungen oder das Pflanzverhalten im eigenen Garten. Anders gesagt: wenn jede und jeder etwas Kleines macht, kommt am Ende etwas Großes dabei heraus. Unser Jugendprogramm Roots&Shoots, von dem ich später noch mehr erzählen werde, baut genau auf diesem Grundsatz auf und ist unser wichtigster Ansatz für die Stärkung der eigenen Handlungsmöglichkeiten. Aber auch Erwachsene können sich vielfältig inspirieren lassen von den verschieden Projekten der Jugendlichen. Eine weitere Quelle sind unsere Youtube-Videos oder weitere Posts in den sozialen Medien, die auf vielfältige Weise ein bewusstes Handeln anregen.

Foto: © Jane Goodall in Gombe National Park, by Shawn Sweeney

Vor kurzem ist „Das Buch der Hoffnung“ von Jane erschienen. Worum geht es da? Wie finden wir laut Jane auch im Angesicht von Pandemien, Kriegen und drohenden Umweltkatastrophen Zuversicht? Was sagt sie, wie es uns ein neues Verständnis der Krisen ermöglicht und gelingt, einen Weg in die Zukunft zu finden und die Hoffnung wieder in unsere Leben einziehen zu lassen und sie in der Natur und in unserer eigenen Widerstandskraft zu finden?

Das gerade erschienene „Buch der Hoffnung“ ist das Folgebuch des Autors Douglas Abrams, der bereits mit Desmond Tutu und dem Dalai Lama das „Buch der Freude“ veröffentlicht hat. Das „Buch der Hoffnung“ ist in Interviewform geschrieben und erzählt aus Janes reichhaltigen Leben mit vielen Geschichten, Beispielen und Einsichten. Jane glaubt fest daran, dass sie nur über authentische Geschichten die Menschen erreichen kann und nicht über „Predigten von einer moralisch erhöhten Position“.  Und es beschreibt natürlich ihren ganzheitlichen Ansatz, der so viel weiter greift und ist insofern auch für Menschen interessant, die sich nicht explizit dem Natur- und Tierschutz verschrieben haben.

Für Jane sind es vor allem vier Gründe, die sie auch im Angesicht aller Katastrophen nicht die Hoffnung verlieren lassen: das Wunder des menschlichen Intellekts, die Widerstands- und Erneuerungskraft der Natur, der Enthusiasmus der jungen Generation und der unbeugsame menschliche Kampfgeist. In dem Buch finden sich zahllose Geschichten aus ihrem Leben, die diese vier Hoffnungs-Pfeiler eindrucksvoll untermauern. Und sie bringt es in dem Buch auf den Punkt, ganz im Sinne ihrer Lebenshaltung: „Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sie stirbt nie.”

„Was du tust macht einen Unterschied, und du musst entscheiden, welche Art von Unterschied du machen möchtest.“ —  Jane Goodall

Durch Janes bewegte Lebensreise zieht es sich wie ein roter Faden: Wo andere Hindernisse sehen, bahnt sie sich einen Weg und macht das Unmögliche möglich. Was denken Sie war da bisher immer ihr „Geheimnis“? Wie haben Sie sie erlebt und was macht das mit Ihnen persönlich?

Jane zeichnet eine große Resilienz und ja, eine gewisse Unbeirrbarkeit aus, die mich immer wieder fasziniert. Sicherlich liegt der Ursprung dafür in dem besonders tiefen Verhältnis zu ihrer Mutter, die sie in all ihren Träumen und Zielen immer unterstützt und ermutigt hat.

„Wenn Du wirklich etwas willst, nutz deine Chancen und gib nicht auf, dann wirst du einen Weg finden“.

Mit diesem Satz hat sie Jane mit Sicherheit maßgeblich geprägt. Erlebt habe ich ihre unglaubliche Kraft auch immer wieder, wenn es uns angesichts aller Entwicklungen in der Welt auch mal schwerfällt, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen und wir quasi erschöpft am Boden liegen. Dann schafft sie es immer wieder, uns mit ihrer Kraft und Energie aufzurichten und neu zu beflügeln. Aufgeben ist niemals eine Alternative! Und noch eine Seite an ihr finde ich sehr bemerkenswert: Sie ist fern von jedem Schubladendenken. Sie spricht mit jedem, mit Schafhirten genauso wie mit Wirtschaftsbossen. Auch wenn Letztere sie möglicherweise anfänglich nicht immer ganz ernst nahmen, versucht sie immer unbeirrt Überzeugungsarbeit zu leisten. Zudem gelingt es ihr, auch Parteien und Strömungen zusammenzubringen, die normalerweise nicht miteinander kommunizieren. Jane ist eine wahre Brückenbauerin. Diesen Geist und diese Haltung werden wir in ihrem Sinne weitertragen, auch wenn sie selber irgendwann einmal nicht mehr aktiv tätig sein kann.

„Das mindeste was ich tun kann, ist für die zu sprechen, die es nicht selbst tun können.“ Jane Goodall

Ich konnte außerdem lesen, dass sich der Fokus des JGI – Deutschland mit dem Programm „Jane Goodall’s Roots & Shoots“ auf Projektarbeit von und mit Kindern, Jugendlichen, Schulen und Universitäten derzeit in fast 100 Ländern der Welt richtet. Einerseits um die heranwachsende Generation zu sensibilisieren und zu informieren, wie Sie sagen, andererseits damit sie ein Selbstverständnis für eine reflektierte, nachhaltige und friedliche Lebensweise entwickeln. Wie genau laufen diese Projekte ab?

Das ist in jedem Land anders und abhängig von der jeweiligen Situation und der Initiative der einzelnen Gruppen. In Ländern, wo beispielsweise die politische Situation nicht stabil ist, dreht es sich eher um Themen wie Friedensaktivismus oder die Stärkung von Minderheiten. In anderen Ländern geht es eher um konkrete Naturschutzprojekte wie Aufforstungen oder Gartenprojekte. In Deutschland nehmen mehrere Schulen an dem Roots&Shoots-Programm teil, wie etwa die Jane Goodall Schule in Berlin, die sich in verschiedenen Vogelbrut- und Bienenprojekten in Berlin engagiert. Und in München gibt es beispielsweise eine Gruppe, die sich schon sehr lange und mit viel Einsatz um die Renaturierung eines Flusslaufs kümmert. Das Prinzip ist auch hier: jede und jeder kann vor der eigenen Haustür etwas tun und sich dafür mit anderen zusammenschließen. Projekte dieser Art können jederzeit entstehen und die jeweiligen Jane Goodall Institute in den Ländern unterstützen diese Projekte mit ihrem Know-how, knüpfen Netzwerke und geben vielfältige Anregungen. Wir erstellen zum Beispiel gerade für Schulen eine Art „Bildungskoffer“, mit dem Lehrerinnen und Lehrer arbeiten und die Gründung von Gruppen initiieren können.

“Artenschutz ist in diesem Sinne eben auch Menschenschutz.”

Was denken Sie wie vor dem Hintergrund des aktuellen Weltgeschehens ein friedliches Zusammenleben der immer weiter wachsenden Weltbevölkerung möglich ist? Was braucht es dafür – besonders auch für den Schutz von genau eben diesen: Mensch, Tier, Natur?

Wichtig ist, dass wir aufhören, Mensch, Natur und Umwelt zu trennen und uns jeweils nur auf einzelne Aspekte zu fokussieren. Die Öko-Systeme müssen in ihrem Zusammenwirken betrachtet werden, sonst greifen wir zu kurz. Die Pandemie ist aus ganzheitlicher Sicht eben kein Zufall und hat gezeigt, dass es nicht reicht, schnell ein paar Gesetze zu ändern, sondern, dass wir uns der Ganzheitlichkeit der Systeme und der globalem Effekte bewusst werden müssen. Artenschutz ist in diesem Sinne eben auch Menschenschutz. Wenn wir zu weit in die Lebensräume anderer Lebewesen eindringen, kann das auf kürzestem Wege auch ganz direkt das Leben von Frau K. aus B. oder Herrn W. aus J. beeinträchtigen. Aber das kann nur gelingen, wenn wir den Menschen nicht als die „Krone der Schöpfung“ sondern als Teil eines ganzheitlichen Wirkens der Systeme begreifen…

www.janegoodall.de

Franziska Wulff 

Berührt und inspiriert durch den Dokumentarfilm „Janes Journey“ nahm sie im Jahr 2012 an einer Projektreise nach Tansania und Gombe teil. Seit dieser Reise ist sie dem Jane Goodall Institut verbunden und ergänzt seit 2018 den Vorstand. Viele Jahre in der Wirtschaft tätig, gab die Diplom-Psychologin vor einigen Jahren ihrem beruflichen Leben eine neue Ausrichtung und arbeitet seitdem außerdem als Achtsamkeitslehrerin und systemische Coachin in Hamburg. Sie gibt in diesem ausführlichen Interview einen tollen Überblick – und wir dürfen auch Jane auf diese Weise etwas besser kennenlernen.

Foto: © Franziska Wulff Privat


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