Gemeinsam für eine bessere Welt

Medienkompetenz geht uns alle an!

Christin Prizelius | 17.12.25 | Interview mit Miriam Prätsch & Sarah Hofmann | © medhochzwei Verlag

Miriam Prätsch und Sarah Hofmann sind Psychologinnen, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen sowie Autorinnen von „Robotti, wir haben ein Problem!”. Alltagsnah, kreativ und kindgerecht für Familien und pädagogische Fachkräfte. Mit uns sprechen sie über ihr Buch, einen bewussten Umgang mit digitalen Medien, Herausforderungen durch die Digitalisierung und wie eine bessere Medienkompetenz für alle gelingen kann. Dieses tolle Projekt wurde mit dem medhochzwei Verlag umgesetzt.

„Robotti, wir haben ein Problem! Lotti und Robotti auf Entdeckungsreise durch die digitale Welt” richtet sich nicht nur an Kinder, sondern beinhaltet auch Begleitmaterial, um ein Bewusstsein im Umgang mit digitalen Medien zu fördern. Was hat Sie beide dazu inspiriert, dieses Buch zu dem Thema zu schreiben?

Sarah: Es gab tatsächlich vielfältige Beweggründe. Wir sind ja beide Kinder- und Jugendlichen — Psychotherapeutinnen und erleben es in unserem beruflichen Alltag sehr oft, dass uns das Thema Medien und der Umgang damit begegnet. Das ist dann schon oft sehr konfliktbehaftet. Das heißt, wir haben nicht selten recht verhärtete Fronten zwischen Eltern und Jugendlichen sowie Kindern, erkennen viele Unsicherheiten im Umgang damit — auch von Seiten der Eltern — und natürlich auch irgendwie im privaten Kontext, weil wir selber ebenfalls Mamas sind und uns da natürlich überlegen müssen, wie man das als Elternteam am besten macht. Daraus ist die Idee entstanden, früher damit anzufangen, weil der Aufbau von Medienkompetenz nicht dann erst erfolgen sollte, wenn die Kinder und Jugendlichen eigene Geräte haben. Es ist möglich, viel früher anzusetzen, weil es ganz viele Dinge gibt, die man tun kann, um einen bewussten Umgang mit Medien zu gestalten.

„Die digitale Welt, im Vergleich zu der analogen, ist einfach eine andere und dieses Bewusstsein für diese beiden Welten gemeinsam mit den Kindern zu stärken und daraus verschiedene Kompetenzen zu entwickeln, ist wichtig und geht uns alle an.”

Miriam: Was ich wichtig finde, ist zu erkennen, dass die digitale Welt nicht mehr wegzudenken ist. Bildschirme gibt es schließlich überall. Alle Erwachsenen haben Handys in der Hand, die Eltern arbeiten am Laptop oder mit dem Tablet, Geschwister spielen ebenfalls an verschiedenen Medien und so ist das auch für die Kleinsten eine große Herausforderung. Wir haben uns versucht vorzustellen, wie es für die Kleinen ist, dass diese Bildschirme eben überall sind. Kinder haben noch nicht das Verständnis dafür, dass digitale Medien etwas sind, was es im Grunde ja noch gar nicht so lange gibt. Die digitale Welt, im Vergleich zu der analogen, ist einfach eine andere und dieses Bewusstsein für diese beiden Welten gemeinsam mit den Kindern zu stärken und daraus verschiedene Kompetenzen zu entwickeln, ist wichtig und geht uns alle an.

Bild: © Igor Link

Wie entstand die Idee zur Figur Robotti?

Sarah: Lotti sollte vor allen Dingen ein ganz normales Kind sein, das einen ganz alltäglichen Umgang mit den digitalen Medien zeigt. Das heißt, dass die Kinder sich wirklich abgeholt fühlen, weil es ja doch viele Punkte gibt, wo auch jüngere Kinder mit Medien in Kontakt kommen. Und dann ist Robotti dazu entstanden. Man kann letztendlich sagen, quasi als Projektionsfläche von Lotti, die sich eben viele Fragen stellt und viel in Interaktion mit der Familie steht und reflektiert, wie was eigentlich funktioniert. Robotti, der in der Geschichte erst Stück für Stück entsteht, ist sozusagen Lottis Bewusstwerdungsprozess. Es gibt viele Vor- und Nachteile hinsichtlich der Mediennutzung, die auch gleich benannt werden dürfen. Die Medien sind eben da und wir möchten das für all diese Bereiche in diesem Buch mit einer freundlichen Perspektive tun. Tatsächlich ist es so gewesen, dass unsere wunderbare Illustratorin Jasmin Hirtl ihn irgendwo auch mit erschaffen hat. Wir erinnern noch genau den Moment, wo wir ihn präsentiert bekommen haben, und die Freude so groß war. Robotti ist ein ganz freundlicher, netter kleiner Kerl, der Lotti da begleitet.

Wie haben Ihre eigenen Kinder in der Zeit des Schaffensprozesses darauf reagiert?

Miriam: Ich finde, unsere eigenen Kinder helfen uns sehr, es in der Praxis auszuprobieren — wenn ich jetzt für uns beide sprechen darf. Sarah, ich glaube, es geht dir da ja ähnlich. Ich habe für mich schon überlegt, wie und wo genau meine große Tochter nun mit den Medien in Kontakt kommt. Zum Beispiel kommt jetzt immer mehr das Thema „Künstliche Intelligenz (KI)” ins Spiel. Also sprechen wir zu Hause häufig mit dem “Robotermann”. Wenn beispielsweise eine Frage aufkommt, wie: „Können Hummeln eigentlich auch Honig machen?!” sage ich: „Keine Ahnung, das weiß ich gar nicht, da fragen wir mal den “Robotermann”!”. Und auf der anderen Seite konnten wir natürlich auch die Geschichte immer wieder unseren Kinder vorlesen und gucken, wie es ankommt. Also die eigenen Kinder quasi ein bisschen als „Testperson” sehen, auch wie wir in der Geschichte den Robotti basteln. Im Begleitmaterial gibt es ja die Bastelanleitung dafür und auch ein tolles Kuchenrezept.

Bild: © Anja Schön

Welche Rolle spielt die digitale Welt genau in der Geschichte von Lotti und Robotti, und warum war Ihnen dieses Thema besonders wichtig?

Miriam: Wir haben damit begonnen, diese ganzen sichtbaren Dinge überhaupt erst einmal zu benennen, also zum Beispiel die ganzen Bildschirme, die sich überall befinden. Das haben wir versucht spielerisch rüberzubringen. Bei uns in dem Buch gibt es immer so kleine kleine Kästchen mit Fragen und Spielen für zwischendurch, weil wir ja auch wissen, dass Kinder unterschiedlich sind und lernen. Auf diese Weise wollen wir erreichen, dass die Kinder sich bewusst werden, wo denn überhaupt eigentlich überall Bildschirme sind?! So erkennt man den ersten Zugang zur digitalen Welt. Das wird mit Lotti eben immer wieder erwähnt, damit den Kindern auch klar wird: Ah ok, also wenn ich eine Serie gucke, ist das schon Teil der digitalen Welt. Und auch wenn ich mit den Großeltern videotelefoniere, das ebenfalls in der digitalen Welt geschieht, obwohl es gleichzeitig auch eine Interaktion ist. So werden die Botschaften lebensnah verpackt und greifbar im Alltag. Das war uns wichtig.

Sarah: Wir möchten auch einen schönen Blick auf die digitale Welt ermöglichen und wo sie uns unterstützen kann. So lernt man, was positiv ist, aber auch wo es Grenzen gibt. Beispielsweise, dass eine echte Umarmung digital nicht möglich ist. Die ganze digitale Welt hat oft eine ganz große Magie, weil es nur begrenzt einen Zugang dazu gibt. Die Dauer der Mediennutzung sollte dabei also ebenfalls reflektiert werden.

Auch uns Erwachsenen fällt es schließlich manchmal schwer, diese Balance zu halten. Das sind Kompetenzen, die man schon früh in den Fokus rücken kann.

Miriam: Aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten können Kinder das selbst noch gar nicht regulieren und dann von alleine ausschalten zu können, ist viel verlangt. Da sind schon die Erwachsenen gefragt. Daher ist es unser Anliegen, dass man früh, also schon im Kindergarten und in der Vorschule, anfängt, diese Medienkompetenz aufzubauen.

Sarah: Medienkompetenz ist ja zum Beispiel auch: Wie schaffe ich es abzuschalten, obwohl es gerade so spannend ist und obwohl ich weiß, dass die Serie noch stundenlang weitergehen kann…?! (lacht) Auch uns Erwachsenen fällt es schließlich manchmal schwer, diese Balance zu halten. Das sind Kompetenzen, die man schon früh in den Fokus rücken kann.

Das Buch richtet sich nicht nur an Kinder, sondern auch an Eltern und pädagogische Fachkräfte. Welche Botschaft möchten Sie diesen Zielgruppen vermitteln?

Sarah: Eine Hauptbotschaft ist, wie wichtig es ist, überhaupt eine bewusste Haltung zur Mediennutzung zu entwickeln, und, dass man schon früh damit anfangen kann und sollte. Eine Reflexion ist somit elementar. Vieles passiert ja unbewusst und plötzlich wird aus wenigen Minuten eine längere Zeit, ohne, dass uns das im Kern bewusst ist.

Miriam: Mir ist auch wichtig, dass sich alle ein bisschen mitverantwortlich fühlen sollten für diesen Aufbau der Medienkompetenz. Ob nun Eltern, Großeltern, Geschwister, Erzieherinnen oder Erzieher… sich bewusst zu werden, wie oft und wofür man Medien nutzt, wenn Kinder in der Nähe sind.

Frühe Medienkompetenzentwicklung ist möglich und das dürfen wir schon ganz früh in den Fokus rücken, auch dann, wenn die Kinder noch keine eigenen Geräte haben. Und sei es eben nur dieses Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sie eigentlich schon mitten in der digitalen Welt drin leben, mit dabei sind und auch mit diesen ganzen Medien interagieren.

Mit welchen Herausforderungen sind Sie beruflich und bezüglich des Buches konfrontiert?

Miriam: Ich war jetzt zum Beispiel kürzlich damit konfrontiert, dass manche Kinder ein sehr isoliertes Interesse haben und für nichts anderes als ihre Handyspiele zu begeistern sind — und auch nur darüber reden. Das finde ich als Therapeutin dann tatsächlich schon manchmal ganz schön schwierig. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass manche Eltern das jeden Tag zu Hause haben, ist das schon eine Herausforderung.

Sarah: Das Nutzungsverhalten ist ja schon auch sehr unterschiedlich. Manche Jugendliche und auch Kinder hinterfragen gar nicht, was psychologisch bei manchen Apps in ihnen vorgeht und das mit ihnen macht. Da sollte man sich schon mehr mit auseinandersetzen, sich informieren und auch gemeinsam mit den Kindern besprechen, welche Mechanismen Apps mitunter in ihnen auslösen können. So gibt es ja auch Apps, die motivieren und das Belohnungssystem aktivieren können. Es geht also wirklich viel um Aufklärung, auch in den Therapien, wie Apps funktionieren und warum manche nur eine eingeschränkte Nutzungsdauern am Tag haben sollten. Wenn man, wie manche Patientinnen und Patienten, zum Beispiel 16 Stunden am Tag am Handy o.ä. spielt, kann man sich ja schon vorstellen, dass das etwas mit einem macht. Das sind schon Herausforderungen, mit denen man zu tun hat. Wir Erwachsenen sollten Kinder und Jugendliche einfach mehr mit einbinden, Dinge besprechen und vielleicht auch mal an die frische Luft gehen und in die Weite schauen. Das heißt nicht, dass digitale Medien nur negativ sind, aber eben Auswirkungen auf unseren Körper und die Gefühle haben. Das sehen wir ja auch an uns, wenn zum Beispiel mal der Drucker streikt. Frühe Medienkompetenzentwicklung ist möglich und das dürfen wir schon ganz früh in den Fokus rücken, auch dann, wenn die Kinder noch gar keine eigenen Geräte haben. Und sei es eben nur dieses Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sie eigentlich schon mitten in der digitalen Welt drin leben, mit dabei sind und auch mit diesen ganzen Medien interagieren. Auch alle Bezugspersonen, die mit den Kindern leben oder arbeiten, dürfen hier Verantwortung übernehmen und das auch gemeinsam mit den Kindern in den Fokus rücken. Da können wir alle gemeinsam schon ganz früh sehr viel erreichen…

Das ganze Interview HIER bei uns im Podcast (Folge #59).

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Das Buch „Robotti, wir haben ein Problem! Lotti und Robotti auf Entdeckungsreise durch die digitale Welt” ist nicht nur an Kinder, sondern auch Eltern, Bezugspersonen und Pädagogen gerichtet und mehr als nur eine Vorlesegeschichte: Es bietet umfangreiches Begleitmaterial für Eltern, Großeltern, pädagogische Fachkräfte und alle, die Kinder in ihrem Alltag begleiten, und wurde gemeinsam mit dem medhochzwei Verlag umgesetzt.

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Cover: © medhochzwei Verlag


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