Jetzt beginnt eine neue Zeit des Miteinanders, des Teilens, der Solidarität und der Bewährung von Freundschaften.

Christin Prizelius | 10.04.24 | Interview mit Elisabeth Lanz | © Elisabeth Lanz

Die beliebte Schauspielerin Elisabeth Lanz wurde in Graz/ Österreich geboren und wuchs mit drei Geschwistern in einem SOS-Kinderdorf auf. Privat braucht sie nicht die große Bühne, eher im Gegenteil, sagt sie. Für sie ist die Schauspielerei gelebte Philosophie und angewandte Psychologie. Außerdem setzt sie sich sehr für den Umweltschutz ein. Wir durften ihr ein paar Fragen stellen.

Man kennt Sie facettenreich auf der Theaterbühne, von der Kinoleinwand oder aus dem Fernsehen. Privat, sagen Sie, mögen Sie es eher ruhig und naturverbunden. Sie leben in ländlicher Idylle in einem Dorf in der Nähe von München und schätzen dieses Gegengewicht. Wie können wir uns Ihren Tagesablauf so vorstellen? Was schätzen Sie dabei am meisten?

Ein geregelter Tagesablauf war mir in meinem gesamten Leben sehr selten vergönnt. Die intensivste Erfahrung damit hatte ich während des Corona — Lockdowns und ich muss gestehen, ich persönlich bin sehr dankbar für diese Zeit. Meine Tage starteten früh, meist gegen 5 Uhr, Zeitung lesen, Briefe oder Emails schreiben, mit anderen Frühaufstehern mut- und kraftspendende Gespräche führen, Frühstücken, über Online-Schooling streiten oder diverse Aktivitäten im Haus — vom Garten bis zu Handwerkertätigkeiten (in denen ich mich fortgebildet habe).

“Gedanken an die Zukunft hatte ich mir verboten und erstaunlicherweise funktionierte dies auch sehr gut.”

Beruflich übliche Pflichtprogramme wurden an eine Stelle sehr weit hinten in der Prioritätenliste verschoben, dann lange Spaziergänge und frühe/kurze Abende. Es war für mich eine Zeit, in der ich in einer Weise mit dem Moment verschmelzen konnte, wie es mir sonst meist nur durch Meditation gelungen war. Gedanken an die Zukunft hatte ich mir verboten und erstaunlicherweise funktionierte dies auch sehr gut. Meine Gedanken, die oft wie ungezügelte wilde Pferde in die Zukunft galoppierten, wurden plötzlich zu einem gemütlichen Haflinger.

In einem Interview haben Sie mal gesagt, dass Ihre berufliche Kraft, Ihr Potenzial und die Quellen, aus denen Sie schöpfen, eng mit Ihren Sinnen verbunden sind und diese ihre Pflege brauchen. Was tun Sie dafür? Haben Sie dafür bestimmte Rituale?

In mir lebt ein sehr quirliger, sehr offener Geist, das mag ich im Grunde ganz gerne an mir, aber es ist auch ein großes Manko damit verbunden. Es fällt mir schwer, mich aktiv und aus eigenem Willen zu verschließen, um konzentriert und fokussiert zu sein. Da mir diese Schwäche bewusst ist, entziehe ich mich gerne dem bunten Treiben der Großstadt, der Beschallung durch die Medien und auch dem Nachrichtenbombardement per Smartphone. Dieser Rückzug gelang mir am besten über meine Flucht aufs Land, die heute keine Flucht mehr ist, da ich mein Zuhause dorthin verlagert habe. Das heißt, die Pflege meiner Sinne besteht darin, dass ich sie nicht mehr einer ständigen Überflutung aussetze, dass ich mich einmal am Tag gezielt der Stille hinwende, und mich ausschließlich auf den Atem konzentriere. Dies ist ein tägliches Training, denn so entspannt sich das auch anhören mag, sich bewusst der Stille zuzuwenden, kann ganz schön schwer und sogar anstrengend sein.

Viele Menschen bringen Sie als Schauspielerin wohl hauptsächlich mit  „Tierärztin Dr. Mertens“ in Verbindung. Was mögen Sie an dieser Rolle am meisten? Warum arbeiten Sie so gerne mit Tieren?

Diese Rolle hat mir in einem sehr unsteten Beruf ein gewisses Maß an Kontinuität und Sicherheit gegeben, sowohl in finanzieller als auch in menschlicher Hinsicht. Durch die „Tierärztin“ habe ich einige sehr wertvolle außergewöhnliche Freundschaften gewonnen. Und die Tiere, ja die Tiere, die zählen zu meinen großen Lehrmeistern, was das Erleben des unmittelbaren Moments betrifft, wovon ich schon vorhin gesprochen habe. Die Unplanbarkeit, die Unvorhersehbarkeit und die Unwiederholbarkeit „des Moments“ werden einem mit Tieren sehr bewusst. Durch diese Erkenntnis fühle ich mich reich beschenkt.

“Als Kind erreichte mich dies natürlich unbewusst, aber im Rückblick war es für mich DIE Empathieschule.”

Sie sind mit ihren drei Geschwistern in einem SOS-Kinderdorf aufgewachsen, das Ihr Vater im Salzkammergut als katholischer Priester leitete. Wie haben Sie diese Zeit erlebt und was war da für Sie besonders prägend?

Ich behaupte, das Leben im SOS-Kinderdort war die beste Schauspielausbildung. Die vielen verschiedenen Schicksale, der über 100 Kinder, haben mir von klein auf an tiefe Einblicke in psychische Muster gegeben. Als Kind erreichte mich dies natürlich unbewusst, aber im Rückblick war es für mich DIE Empathieschule.

Sie haben mal gesagt: „Grenzen sind keine Grenzen, Grenzen sind Herausforderungen“. Steht diese Aussage für etwas Bestimmtes in Ihrem Leben?

Der Leistungssport hat mich mit dieser Erkenntnis beschenkt. Bei Wettkämpfen machte ich oft die Erfahrung, dass ich in einem Moment, in dem ich meinte „Jetzt ist alles aus, ich kann nicht mehr“, mit einem kleinen kräftigen Willensschub noch einmal an ein Kraftreservoir andocken konnte, wodurch ich zum Fliegen kam. Später konnte ich dieses Prinzip auch in diverse andere Bereiche übertragen.

“Wir müssen mit allem, was wir uns an Verbesserung für die Umwelt oder auch für die Menschen wünschen, immer zuerst bei uns selber anfangen.”

Kürzlich haben wir über Sie außerdem gelesen, dass Sie aktiv etwas gegen den Plastikmüll tun möchten und sogar mit Jugendlichen im Urlaub Müll sammeln waren, um etwas für Umwelt und Natur zu tun. Wie meinen Sie kann man im Großen das Umweltbewusstsein entwickeln und fördern? Wie möchten Sie die Menschen erreichen?

Offen gesagt will ich niemanden mehr mit schlauen Sätzen erreichen, von denen geistern zu viele inzwischen herrenlos durch den Äther. Wir müssen mit allem, was wir uns an Verbesserung für die Umwelt oder auch für die Menschen (gerade jetzt durch die wirtschaftlichen Einbußen durch Corona) wünschen, immer zuerst bei uns selber anfangen. Ich bin kein großer Fan von „Rufen nach dem Staat“. Wenn ich kann, muss ich meinen Freunden selbst helfen und nicht der Staat. Ich glaube, jetzt beginnt eine neue Zeit des Miteinanders, des Teilens, der Solidarität und der Bewährung von Freundschaften.

Sie machen sich ebenfalls sehr stark für das Projekt „Handycap International“ sowie den Bundesverband Kinderhospiz, die SOS Kinderdörfer und den WWF. Warum diese Projekte und wie genau engagieren Sie sich hier?

Ich bin mit ungewöhnlichen und oft auch leidvollen Schicksalen schon als Kind in Berührung gekommen und meine eigene Dankbarkeit für meine Gesundheit, meine Familie, meinen Erfolg u.v.m. bringt mich dazu, meine Augen nicht zu verschließen. 

Sie haben mal gesagt, dass sich Ihre Leidenschaft als Bestimmung erweist, in der Sie bis heute in der Reibung mit sich selbst leben. Wie kennzeichnet sich das? Was macht Ihre eigene Identität aus?

Mein Leben ist ein Komma und kein Punkt. Ich hoffe, dass dies auch immer so bleibt, so sicher ist das nämlich nicht, denn diese Offenheit, dem Leben zu begegnen, fordert manchmal auch ganz schön viel Mut.

Was verleiht Ihnen im Leben Hoffnung und Zuversicht?

Familie, Freundschaften und das Wissen um die Liebe.

Worauf dürfen wir uns in Zukunft noch von Ihnen freuen?

Ich habe einmal einen Spruch gelesen, der ging so: “Wenn du Gott zum Lachen bringen möchtest, dann erzähl ihm von deinen Plänen…“

Elisabeth Lanz liebt es naturverbunden, ruhig und beschaulich. Das ist auch der Grund, weshalb sie ihren familiären Lebensmittelpunkt in ein Dorf in der Nähe von München verlegt hat, denn dort in der ländlichen Idylle findet der berufliche und großstädtische Trubel für sie ein gutes und kraftvolles Gegengewicht. „Die Bilderflut, der wir uns in der Stadt nicht entziehen können, weicht einem Blick auf einen Landstrich, der die Farben nur mit dem Wetter und den Jahreszeiten wechselt.“, beschreibt sie diese Wahrnehmung. „Meine berufliche Kraft, mein Potenzial und die Quellen, aus denen ich schöpfe, sind eng mit meinen Sinnen verbunden, in einer Dauerüberflutung würde ich abstumpfen. (…) Meine Sinne brauchen auch ihre Pflege, ich will verletzbar sein, nur durch diese Bereitschaft kann ich Qualität zur Verfügung stellen.“

www.elisabeth-lanz.at

Bild: © Elisabeth Lanz

Dieses Interview ist ausführlich in einer vorherigen Ausgabe des Magazins Pure & Positive erschienen.


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