Wenn wir uns von der Natur entfernen, entfernen wir uns auch von uns selbst.

Christin Prizelius | 10.05.24 | Gastbeitrag von Emma Wisser | © Emma Wisser

Vor dem Hintergrund aktueller krisenhafter Ereignisse wurde für Emma Wisser zunehmend offensichtlich, wie essenziell die Verbindung zwischen Natur und Achtsamkeit für unsere Zukunft ist. Ausgehend von ihren Grundberufen als Diplom-Soziologin und Rhythmiklehrerin führte sie ihre langjährige Meditationspraxis zur Achtsamkeit. Seit zwei Jahrzehnten unterrichtet sie als zertifizierte Trainerin Achtsamkeit und Selbstmitgefühl in ihrer Praxis für ein achtsames Leben. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Bereich “Natur und Achtsamkeit” zu einem tiefgehenden und wirkungsvollen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Ihre eigene Verbindung und Liebe zur Natur sowie die überzeugenden wissenschaftlichen Ergebnisse über die Wirkung eines achtsamen Aufenthalts in der Natur auf den Stressabbau und das ganzheitliche Wohlbefinden trugen wesentlich dazu bei. Mehr darüber in diesem Gastbeitrag.

Jeder Morgen kann “Sorgen”-voll oder “Wunder”-voll sein.

Wenn es das Wetter zulässt, sitze ich gerne morgens vor dem Haus und genieße meinen Frühstückstee. Heute fand ich mich wieder, als ich gedankenverloren auf die Wiese mit den Butterblumen, Löwenzahn und Gänseblümchen vor mir starrte…ich hatte gar nicht bemerkt, worauf meine Augen gerichtet waren… In dem Moment, als mir bewusst wurde, dass ich gar nicht anwesend war, sah ich auf einmal, wie die Sonne die Farben der Blüten intensiv machte, wie die Blütenblätter im Licht glänzten, wie der leichte Wind die Blumen sanft wiegte und die Stängel und Blätter spielerisch in Bewegung versetzte. Und ich bemerkte, dass dieser Anblick in mir Freude und Leichtigkeit hervorrief, und wie ich mich entspannte. Von einem Augenblick zum nächsten nahm ich eine völlig unspektakuläre Szene als wundervolle Welt wahr, mit der ich in einer ganz intimen Weise verbunden war. Die sorgenvollen Gedanken waren wie weggeblasen.

Auf die Perspektive kommt es an – achtsam im Hier und Jetzt.

Was geschieht, wenn wir uns einer „Sache“ bewusst und mit offener und unvoreingenommener Haltung zuwenden? Der Blick stellt sich scharf, wir sehen klar und wir erleben uns selbst und unsere Umgebung in ganzer Fülle. Dieses Erleben ist allerdings nicht nur eine Kopfsache, bei der wir Begriffe haben für das, was vor uns liegt. Es ist viel mehr auch eine Sache der Sinne und des Herzens – ein ganzheitliches Erleben. Sich auf die Welt mit den Sinnen zu beziehen, hilft uns zu orientieren, belebt und bereichert aber auch unsere Lebensqualität. Ein bewusst genossenes Essen ist ein erfüllenderes Erlebnis als ein schneller Burger-to-go.

“Die zunehmende Urbanisierung bringt Stress und eine immer größere Entfremdung von der Natur mit sich, das Alltagsleben entfernt uns immer weiter von der natürlichen Welt.”

Emma Wisser

Mensch und Natur.

Die zunehmende Urbanisierung – 57% der Weltbevölkerung lebte 2023 in Städten – bringt Stress und eine immer größere Entfremdung von der Natur mit sich, das Alltagsleben entfernt uns immer weiter von der natürlichen Welt. Laut Prof. Yoshifumi Myazaki ist neben Urbanisierung und Technisierung auch die Entfremdung von der Natur für ein stressgeprägtes Leben verantwortlich. Das Naturdefizitsyndrom, ein von Richard Louv geprägter Begriff, beschreibt die wachsende Entfremdung des Menschen von der Natur und den damit einhergehenden Phänomenen wie schwindende Sinneserfahrungen, Aufmerksamkeitsprobleme und eine steigende Anzahl an körperlichen und emotionalen Erkrankungen. So sind wir einerseits individuell von den Folgen der Industrialisierung und Verstädterung betroffen und aus unserer Mitte gefallen. Andererseits hat der menschliche Fortschritt die Erde und die Natur als Ganzes aus dem Gleichgewicht gebracht. In dem Maße, in dem die moderne Gesellschaft und Kultur die Zugehörigkeit der Menschen zur Natur ignoriert und verdrängt, geraten wir selbst aus dem Gleichgewicht und berauben uns unserer eigenen Ressourcen.

Nordstern in turbulenten Zeiten.

Besonders in diesen turbulenten Zeiten kann es sein, dass wir uns nicht stabil, entwurzelt und unsicher in uns selbst fühlen und, dass wir verloren gehen im täglichen Funktionieren und Tun. Dann brauchen wir einen roten Faden, einen Nordstern, der uns zurück zu uns selbst führt, verankert und unserem Alltag wieder eine sinnerfüllte Ausrichtung gibt. Dieser rote Faden kann die Achtsamkeit in und mit der Natur sein. Denn wenn wir uns mit Achtsamkeit und mit offenem Herzen der Natur zuwenden, entdecken wir unsere Zugehörigkeit und Verbundenheit mit ihr neu. Natur ist Teil unseres Menschseins – ein Teil, den wir historisch als Menschheit immer mehr ausgeblendet haben. Mensch und Natur gehören zusammen. Edward O. Wilson schreibt: der Mensch kommt aus der Natur und hat sich in ihr und im Wechselspiel mit ihr entwickelt. Die selbe Lebenskraft, die in den Tieren und Pflanzen wirkt, durchströmt auch uns. Indem wir uns nicht mehr getrennt von der Natur sondern als Teil von ihr erleben, verbinden wir uns wieder mit der Tiefe unseres Seins. Wir nehmen uns in unserer Ganzheit
wahr und werden dadurch stabiler und resilienter.

Bild: © Emma Wisser

Finde dich selbst in der Natur, finde die Natur in dir – 5 Tipps für den Alltag.

Essen:

Bevor du mit dem essen beginnst, halte einen Augenblick inne und schau dir deine Speise an, rieche die Düfte und halte dir vor Augen, dass das Essen auf deinem Teller Natur ist. Der Salat und die Kartoffeln sind in der Erde gewachsen, mithilfe der Sonne und des Regens und all den Mikroorganismen in der Erde. Und wenn du diese Nahrung aufnimmst, wird die Natur ein Teil von dir und du wirst ein Teil der Natur.

Atmen:

Der Atem ist Ausdruck unserer Lebendigkeit, er geschieht ganz natürlich ohne unser Zutun und unabhängig davon, ob wir ihn bemerken oder nicht. Er versorgt uns mit lebenswichtigem Sauerstoff. Lege eine Atempause ein. Spüre, wie beim Atmen die Luft aus der Umgebung in dich einströmt und beim Ausatmen wieder in die Umgebung ausströmt. Die Luft wird Teil von dir, indem der Körper ihre brauchbaren Bestandteile aufnimmt und verwertet. Verweile einige Atemzüge in dieser Wahrnehmung. Wenn du unter Bäumen stehst und deinen Atem spürst, erinnere dich daran, dass die Bäume den Sauerstoff, den du einatmest, während ihrer Photosynthese ausatmen. Im Gegenzug nehmen sie den Kohlenstoff auf, den du ausatmest. Verweile und atme mit den Bäumen und lass diese Verbundenheit auf dich wirken.

“Lass dich von der Natur einladen, deine Sinne zu öffnen, und wende dich dem zu, was dir gerade über den Weg läuft.”

Emma Wisser

Körpersinne:

Wenn du einen Spaziergang machst, stelle für einen Augenblick dein Ziel hintenan. Lass dich von der Natur einladen, deine Sinne zu öffnen, und wende dich dem zu, was dir gerade über den Weg läuft. Betrachte, rieche, lausche und berühre, was dir gerade von der Natur präsentiert wird. Ein Moos, Vogelzwitschern, blühende Hecken, Blumen an einem Fensterbrett, Wolken… Lass dich überraschen, was du entdeckst und wie du dich dabei fühlst.

Wasser:

Es heißt, dass Wasser unser Lebenselixier ist. Wenn du ein Glas Wasser trinkst, halte einen Moment inne, schmecke es und halte dir vor Augen, dass Wasser ein natürliches Element ist. Der Wasserkreislauf der Erde sorgt dafür, dass Wasser für uns und alles Leben zur Verfügung steht. Wenn du trinkst, wird das Element Wasser Teil von dir und du wirst Teil des Wassers.

Freude:

Wenn du einen Blumenstrauß geschenkt bekommst oder dein Weg dich an einem Blumenladen vorbei führt, betrachte die Blütenpracht, rieche den Duft und genieße die Schönheit für ein paar Augenblicke länger als gewöhnlich. Wenn du Küchenkräuter im Haus hast, gönne dir einen Moment, bevor du sie klein schneidest und rieche daran. Wenn sich an einem trüben Tag endlich die Wolkendecke öffnet und der blaue Himmel sichtbar wird, nimm dir ein paar Augenblicke Zeit, das Fenster im Himmel zu betrachten. Was empfindest du dabei in deinem Herzen?

„Frieden mit der Natur zu schließen ist die bestimmende Aufgabe des 21. Jahrhunderts. Es muss die allererste Priorität für jeden und überall sein.“

António Guterres

Zurück zur Natur also?

Modernes Leben ist überwiegend mensch- und selbstzentriert und wir verlieren oft den größeren Blick auf den Zusammenhang, in dem wir tatsächlich mit der Natur stehen. Doch die Bedeutung dieser Verbindung muss wieder in den Fokus rücken. UN-Generalsekretär António Guterres sagte am 2. Dezember 2020: „Frieden mit der Natur zu schließen ist die bestimmende Aufgabe des 21. Jahrhunderts. Es muss die allererste Priorität für jeden und überall sein.“ Finde deinen Weg, dich wieder mehr vom Herzen her mit der Natur zu verbinden. Vielleicht entdeckst du dabei auch Neues oder Unerwartetes über dich selbst und dein Leben. Lass dich überraschen, was die Natur verschenkt, wenn du sie nicht nur als Freizeitkulisse nutzt. Immer mehr Menschen empfinden den Wunsch und erkennen, dass es jetzt an der Zeit ist, eine neue Beziehung zur Natur aufzubauen – mit mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Achtsamkeit ist ein wirksamer Weg, sich frisch und auf einer tiefen Ebene wieder mit der Natur zu verbinden. Und dies kann zu dem ganz natürlichen Impuls führen, dass wir das beschützen wollen, was wir lieben…

Emma Wisser hat als ausgebildete Trainerin für Waldgesundheit und Shinrin-Yoku ein innovatives Kursprogramm „Natur-basierte Achtsamkeit“ entwickelt. Über ihre Erkenntnisse und Erfahrungen mit der heilsamen Synergie und Wirkung von Natur und Achtsamkeit für die Probleme moderner westlicher Gesellschaften veröffentlicht sie Podcasts und Artikel, hält Vorträge und Workshops. Zusammen mit ihrem Mann, Carlos Ponte, hat sie “Universe Mindfulness” ins Leben gerufen. Gemeinsam leben sie in Italien.

www.mbsr-praxis-muenchen.com

www.universe-mindfulness.com

Bild: © Emma Wisser


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