Zum UNESCO-“World Art Day” im Gespräch mit der Hamburger Künstlerin Inken Rave-Lohmann.

Christin Prizelius | 15.04.24 | Interview mit der Künstlerin Inken Rave-Lohmann | © Inken Rave-Lohmann

Jedes Jahr am 15. April wird der UNESCO-Weltkunsttag gefeiert. An diesem “World Art Day” soll das künstlerische Schaffen im Vordergrund stehen, um die Bedeutung der Kunst zu würdigen. Die Vielfalt der Ausdrucksformen, nachhaltige Entwicklungen sowie Kreativität und Informationsaustausch sollen dabei betont und hervorgehoben werden.

Wir haben mit der Hamburger Künstlerin Inken Rave-Lohmann gesprochen. Sie sagt der Ausgangspunkt ihrer Kunst ist immer die Natur. Diese ist die Inspiration, deren Essenz sie mit verschiedenen Techniken einfängt und auf immer neue Weise interpretiert. Eine große Rolle spielt hier auch das Upcycling: “Ich arbeitete Verpackungen in Skulpturen und Gemälde ein, um ihr einen neuen Sinn zu verleihen – Upcycling durchzieht Arbeiten aller meiner Schaffensperioden wie ein roter Faden”, sagt sie. Inken Rave-Lohmann lebt und arbeitet teils in Hamburg, teils auf Mallorca, wo sie ein weiteres Atelier aufbaut und auch Kurse anbietet.

Seit wann arbeitest du als Künstlerin und war es für dich immer schon klar, dass du in diese Richtung gehen möchtest?

Es ist tatsächlich so, dass es schon als kleines Mädchen mein Wunsch war, eine Malerin zu werden. Als Kind war das Schönste für mich mit Buntstiften, Malkasten und wunderbarem Papier zu arbeiten, frei zu sein, „kreativ zu sein“, viel zu träumen und meine kindlichen Vorstellungen der Natur darzustellen mich darin auszuleben. Das war damals für mich schön und ist es heute mehr denn je, denn das war und ist mein Herzenswunsch und ist das, was mich voll erfüllt und mein Leben so bereichert.

Wie war dann dein Weg? 

Auf die Frage, was ich denn einmal beruflich machen wollte, wurde mein Wunsch, als Malerin zu arbeiten, mit den Worten abgelehnt erst einmal “etwas Richtiges” zu lernen, womit auch Geld zu verdienen ist. Mein Vater war Kaufmann und hatte für solche Berufsvorstellungen kein Verständnis. Also erlernte ich den Beruf zur Im– und Exportkauffrau in einem klassischen Hamburger Handelsunternehmen. Zugegebenermaßen hat mir die Ausbildung nicht geschadet, im Gegenteil: Als ich später, mit fast 30 Jahren, an der Fachhochschule Illustration studierte, wusste ich diesen Luxus der Freiheiten und Möglichkeiten eines Studiums sehr zu schätzen. Von morgens bis abends im Büro sitzen war nichts für mich. Ich sehnte die Abende herbei, an denen ich Kunstkurse in Malerei und Zeichnung besuchte.

Bildcredit: © Inken Rave-Lohmann

Auch vor, während und nach meinem Studium an der Fachhochschule, heute HWWA HAMBURG, belegte ich Mal- & Zeichenkurse. Nach Jahren spürte ich endlich, dass ich nun den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Hier konnte ich frei sein und genau das tun, was ich immer wollte. Ich hatte bisher noch nie so viel Freiheit und Kreativität erlebt wie hier. Es war für mich eine unvergessliche Zeit. Obwohl ich die Fachhochschule nach fünf Jahren mit dem Abschluss als Illustratoren verließ, wollte ich ein eigenes Atelier gründen und freie Kunst machen. Parallel war ich 1996 bereits Mutter von meinem Sohn geworden, also mitten im Studium. Ich habe alles parallel gemacht: im Atelier gearbeitet, nachmittags mich um die Familie gekümmert, Galerien und Ausstellungen besucht, akquiriert und schließlich auch kurzzeitig eine eigene kleine Galerie gegründet, um eigene Arbeiten und die Arbeiten anderer Künstler auszustellen. Schließlich wollte ich ja auch eine anerkannte Künstlerin sein.

“Im Süden ist jeder Tag ein wunderbares Geschenk, denn das besondere Licht und die Farben leuchten, lassen die Natur und die Seele erwärmen und die Natur taucht ein in Schönheit und Vielfältigkeit.” 

Gibt es Dinge, die dich zeit deines künstlerischen Lebens begleiten? Inwiefern hat das dein Wirken als freie Künstlerin geprägt?

Anfang 2023 habe ich mein Atelier, das ich fast 20 Jahre lang hatte, aufgegeben, um alles nach Mallorca zu bringen. Jetzt ist das Atelier mittlerweile eingerichtet und auch schon eröffnet. Ich lebe seit 2019 abwechselnd mal in Hamburg und mal auf Mallorca. Ich finde alle meine Motive in der Natur, bin viel draußen und oft begleitet von Stift oder Kamera. Das war immer schon so und meine Motive sind die Landschaft, Stadtansichten und das Stillleben. Es sind Anregungen und Motivgeber, künstlerisch umgesetzt eher semi-abstrakt oder sogar ganz abstrakt. Es ist dann nur noch die Idee und das Gefühl, was das Werk vermittelt. Aber irgendwann, wenn Hamburg mal wieder in Tage der Dunkelheit versinkt, ist es für mich nicht gerade besonders inspirierend. Im Süden hingegen ist jeder Tag ein wunderbares Geschenk, denn das besondere Licht und die Farben leuchten, lassen die Natur und die Seele erwärmen und die Natur taucht ein in Schönheit und Vielfältigkeit. 

© Inken Rave-Lohmann

Ich lebe seit nun fast 60 Jahren in Hamburg und habe diese Stadt mit all meinen Sinnen als Hafenstadt erlebt und kreativ erfasst, sowie die nordische Landschaft im Allgemeinen. Ich bin nach wie vor gern in Hamburg und natürlich besteht für mich auch jetzt noch eine gewisse Faszination zu Land und Küste, dem großen Hafen mit all seinen dicken Pötten, der rauen See, der Ebbe und Flut, den rostigen erdfarbenen Docks und Schiffswänden der Containerschiffe — sie sind auch heute noch anziehend. Aber ich spüre: nun brauche ich den Wandel.

Wie sieht dieser Wandel aus?

Ich gebe zu, dass sich dieser Wandel in meiner Malerei schon vor circa zehn Jahren abzeichnete: in meinem Privatleben hatte sich einiges geändert. Die persönlichen Veränderungen zeigten sich in meiner Kunst: meine Arbeit wurde farbiger, die vorher axiale Formen auf der Leinwand wandelten sich zu etwas Rundem, Abstraktem, und ich probierte viele neue Techniken aus: vom Schweißen, Carven (das Arbeiten mit der Kettensäge) bis hin zum Arbeiten mit Ton und Verpackungsmaterial. Ich wollte noch mehr in die Dreidimensionalität gehen. In der Malerei arbeitete ich ja schon fast reliefartig — das wollte ich auch im Skulpturalen und Plastischen.

© Inken Rave-Lohmann

Ich male und zeichne in vielen Schichten. Es macht mir Spaß, Farbe oder das, was ich darunter verstehe, aufzutragen und teilweise wieder wegzunehmen. Ins Bild “reinzukratzen”, zu kleben, zu malen zu zeichnen, sozusagen mit all meinen Sinnen, mit ‚Händen und Füßen‘  ins Bild einzutauchen und konzentriert auf den Prozess zu reagieren. Bis die Arbeit dann irgendwann fertig ist. 

Wie kam es dann zu Mallorca? Inwiefern beeinflusst das deine Kunst?

Als ich dann Gelegenheit bekam, häufiger auf Mallorca bei einer Freundin zu sein, rückte mein Wunsch immer mehr in Erfüllung, im Süden zu arbeiten und zu leben. Dort etwas kleines Eigenes zu haben und immer wieder dorthin zu können, wo mein zweites zu Hause sein sollte. Im Süden, wo dieses wunderbare, warme Licht scheint, sämtliche Farben der Palette hell und freundlich und viel intensiver wirken als bei uns im Norden.

© Inken Rave-Lohmann

Die Natur ist hier eine ganz andere: Es gibt sie nicht, die Weiden und großen alten Eichen und die fast unbegrenzten großen Wiesen und Weiden. Im Süden wachsen Palmen, Kakteen, Olivenbäume, Orangen, Zitronenbäume, dicke immergrüne Affenbrotbäume und noch so viel mehr. So wie viele zarte Büsche und Bäume, die dem trockenen heißen, manchmal stürmischen Wetter, trotzen und selten blattlos sind. Insbesondere die Palmen und Kakteen üben eine ganz besonders Faszination auf mich aus, wirken sie doch wie perfekte von der Natur geformte Skulpturen. Für mich geniale Motive — auch für das Arbeiten mit Ton. Vielleicht sind es aber auch nicht nur das Licht und die Farben alleine, was Mallorca für mich als Künstlerin so anziehend macht. Es sind außerdem auch die Ruhe, der Anblick des Meeres in all seinen Facetten, der tatsächlich oft azurblaue, wolkenlose Himmel, die abwechslungsreiche Landschaft, die wunderbaren Farben, die vielen Mauern und alten Steinhäuser der Fincas, Schafshütten und die hellen sandsteinfarbenen Häuser. Hier wirkt das Gelb einer Zitrone intensiver als im Norden….

Durch diese fantastische Bereicherung ermöglicht es dir diese zauberhafte Natur also völlig neue Werke zu erschaffen. Was für Werke sind das?

Ich habe meine Motive geändert, aber nicht meine Kunst und meine Technik. Ich arbeite nach wie vor in vielen Schichten, fange zeichnerisch an und arbeite mich mit verschiedenen Maltechniken weiter vor. Aber meine Palette ist heller, farbiger und leichter geworden. Zu den landschaftsanimierten Bildern entstehen häufig auch Zeichnungen und Malereien von Obst und Gemüsemotiven. Nicht super genau, eher semi-abstrakt. Mir geht es darum, dem Betrachter das zu vermitteln, was ich bei der Wahl des Motivs empfunden habe, und um ihn in eine fröhliche Stimmung zu versetzen.

“Meine Arbeiten sind nicht politisch oder gesellschaftskritisch – ich möchte nur die Dinge in einen anderen Kontext bringen.”

© Inken Rave-Lohmann

Du hattest außerdem das sogenannte “Upcycling” erwähnt. Es faszinierten dich immer schon Verpackungen und ihr Umgang damit. Du arbeitest sie in Skulpturen und Gemälde ein, um ihr einen neuen Sinn zu verleihen. Bitte erzähl uns ein bisschen darüber.

Durch das Erarbeiten vieler Schichten auf Leinwand griff ich eines Tages auch zu Verpackungsmaterialien. Zunächst dienten mir einfache Schachteln und Pappe mehr als Stempel, später arbeitete ich interessante Oberflächen der Verpackung direkt auf die Leinwand ein (Collage). Im Dreidimensionalen erarbeitete ich aus gesammelten Milchtüten Skulpturen, die ich zunächst mit Gipsbinden verarbeitete und auch später teilweise in Bronze gießen ließ. Schon in meinen Anfangsjahren als freie Künstlerin sammelte ich alte Kalenderblätter, Kartons und Tüten und grundierte sie weiß. So dienten sie mir dann als Mal- und Zeichengrund. Die Verwendung von Verpackungsmaterial zieht sich durch mein Künstlerleben wie ein roter Faden. Damals wurde gerade der so genannte ‚grüne Punkt‘, das deutsche Mülltrennung System, ins Leben gerufen. Meine Arbeiten sind nicht politisch oder gesellschaftskritisch – ich möchte nur die Dinge in einen anderen Kontext bringen. Die vielen, teilweise aufwändig gestalteten, Papiere und Verpackungen will ich nicht einfach trennen und wegwerfen, sondern sie umfunktionieren und mich auf deren Zustand, Form und Farbe einlassen und mich auch davon anregen lassen. So werden sie noch einmal umgewandelt und in einen neuen Kontext gestellt. Es sind viele Arbeiten unter dem Titel ‚upcycling‘ ab dem Jahr 2017 entstanden. Das Thema interessiert mich nach wie vor. 

“Ich schöpfe aus der Natur, sie gibt uns alles vor – meine Aufgabe ist es umzusetzen, was ich sehe und empfinde.”

Sehr schön fand ich auch: “In der Kunst ist man nicht irgendwann „angekommen“, es geht immer weiter, gibt immer Neues zu entdecken und zu meistern.” Hast du hier ein paar Beispiele?

Das ist wirklich meine Überzeugung. Natürlich bedarf es Neugierde, um sich einzulassen auf das, was in meinem Fall die Natur mir aufzeigt, denn sie ist so perfekt, dass ich nur genau hinsehen und fühlen muss, um zum nächsten Motiv, um auf mein nächstes Thema zu kommen. Ich schöpfe aus der Natur, sie gibt uns alles vor – meine Aufgabe ist es umzusetzen, was ich sehe und empfinde. Und das ist spannend, kreativ und wird nie langweilig, je offener ich demgegenüber bin, je mehr ich an Möglichkeiten ausprobieren, ohne mich einzuschränken, desto eher komme ich weiter und die Arbeiten werden interessanter und authentischer. Ich habe außerdem vor, in Zukunft auch Workshops zwei- bis dreimal jährlich auf Mallorca anzubieten.

Wer darf sich hier angesprochen fühlen?

Herzlich willkommen sind dazu alle diejenigen, die gerne bildnerisch arbeiten und sich im Bereich Malerei und Gestaltung nicht scheuen, sich auf etwas vielleicht völlig Neues einzulassen. Natürlich ist das Arbeiten im warmen Süden ein anderes, es ist heiß und vielleicht auch anstrengend, aber ich denke und hoffe für andere auch motivierend, kreativ und befriedigend. Ich habe im Süd-Osten Mallorcas, im Ort Felanitx, ein malerisches kleines Stadthaus aus dem Jahr 1900 gefunden, eine der Perlen dieses alten historischen Ortes. Dort habe ich nicht nur separat im hinteren Teil des Gartens mein Atelier eingerichtet, sondern es ist in dem kleinen Stadthaus eine Galerie entstanden, die einlädt, dort oder im Hof des Gartens zu arbeiten und zu verweilen.

© Inken Rave-Lohmann

Der Hof hat einen hübschen Brunnen und der Blick auf den angrenzenden Berg und die Landschaft von Felanitx sind wunderbar. Ein Ort der Ruhe und der Kreativität. Ich nenne das Haus ‚Casa del Arte Felanitx‘, denn es ist ein Ort der Kunst, wo auch andere Kunstschaffende eingeladen sind, die Galerie für kleine Events zu nutzen. Wer Interesse hat, an einem meiner 5‑Tage-Workshop teilzunehmen, meldet sich gern bei mir per E‑Mail oder telefonisch. Weitere Infos zu den Workshops sowie verschiedenen Auszügen meiner künstlerischen Arbeit findet man auch auf meiner Website.

Inken Rave-Lohmann arbeitet sowohl in Hamburg als auch auf Mallorca und lässt sich von beiden Umgebungen unterschiedlich inspirieren. Künstlerisch ist sie tätig in Malerei, Zeichnungen und Skulpturen und sagt:

“In meinem Leben als Künstlerin wird mir nie langweilig: ich lasse mich gern inspirieren, fange Neues ein und lerne täglich dazu. Meine Welt ist bunt. Mallorca ist dabei eine fantastische Bereicherung, die mit ihrer zauberhaften Natur unendlich viel Inspiration bietet und es mir ermöglicht, völlig neue Werke zu erschaffen.” 

www.inken-rave.de

Fotocredit: © Inken Rave-Lohmann


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