Gemeinsam für eine bessere Welt

Jugendbeirat gestaltet Zukunft

Christin Prizelius | 14.10.2026 | Interview mit Carlotta Fell, Jugendbeirat in der Fürstenberg Foundation | © Fürstenberg Foundation gGmbH, Jacobia Dahm

Mentale Gesundheit und Jugendbeteiligung stehen im Mittelpunkt des folgenden Interviews mit der frischgebackenen Abiturientin Carlotta Fell zur Woche der seelischen Gesundheit. Als Mitglied im Jugendbeirat der Fürstenberg Foundation setzt sie sich aktiv dafür ein, dass junge Menschen bei wichtigen Zukunftsthemen nicht nur gehört werden, sondern selbst mitgestalten. Im Gespräch gibt sie persönliche Einblicke in ihre Motivation, über den Umgang mit Zukunftsängsten und ihre Vision für eine normalisiertere Sicht auf psychische Gesundheit. Dabei macht sie deutlich, wie wichtig echte Mitspracherechte, authentischer Austausch und Projekte direkt an den Schulen sind. Sie berichtet darüber, wie die junge Generation Verantwortung übernimmt und mit viel Zuversicht und Tatkraft neue Wege beschreitet.

Liebe Carlotta, was hat dich persönlich dazu motiviert, Teil des Jugendbeirats der Fürstenberg Foundation zu werden, und worin siehst du deine wichtigste Aufgabe bei der Mitgestaltung? Was machst du dabei genau?

Jeden Tag zu sehen, ob auf Social Media oder in meinem Umfeld, wie groß das Thema der mentalen Gesundheit ist und, dass jede Person ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema macht, hat mir gezeigt, wie wichtig mentale Gesundheit ist. Wie viele Möglichkeiten fehlen, um den Menschen zu helfen, ist mir sehr schnell aufgefallen, und genau das hat mich motiviert, etwas verändern zu wollen und mich für das Thema einzusetzen. Vor dem ersten Jugendbeirats-Treffen wusste ich noch nicht ganz, was ich erwarten kann, aber nachdem ich zum ersten Mal die anderen Jugendlichen des Beirats kennengelernt habe, die das gleiche Ziel verfolgen und ebenfalls etwas verändern wollen, wusste ich, dass ich das wirklich machen will! Ziemlich schnell hatte ich das Gefühl, bei neuen Projekten und Entwicklungen wirklich mitzuwirken, wo das Feedback des Jugendbeirats sehr geschätzt wird.

„Genau dieses Feedback zu den Herangehensweisen bei neuen Projekten etc., was wir im Jugendbeirat geben, sehe ich als unsere wertvollste Arbeit und Aufgabe, da wir damit das Ziel verfolgen, möglichst vielen anderen Jugendlichen eine Stimme zu geben und uns für sie einzusetzen!”

Oft gibt es Arbeitsrunden, wo wir in kleinen Gruppen sind und herausarbeiten, welche Werte uns für die Foundation wichtig sind oder für welche Themen wir stehen wollen. Das Besondere bei der Fürstenberg Foundation ist, dass nicht über uns Jugendlichen gesprochen wird, sondern aktiv mit uns das Gespräch gesucht wird. Es ist jedes Mal sehr besonders für mich, bei dem nächsten Treffen dabei zu sein, da unser Einfluss und Einsatz absolut spürbar ist und die Projekte von Mal zu Mal größer und stärker werden. Auf diese Weise können wir im Jugendbeirat als StellvertreterInnen unserer Generation konkret Projekte mitgestalten, anschieben und somit wirklich etwas bewegen! 

Wie bist du dazu gekommen und was macht das mit dir?

Zu dem Jugendbeirat der Fürstenberg Foundation bin ich durch meine Mutter gekommen, da sie Gesellschafterin bei der Foundation ist und mich gefragt hat, ob ich nicht auch Lust hätte, mitzuwirken. Ich war, wie gesagt, zunächst noch unsicher, was auf mich zukommen wird in dem Jugendbeirat, aber die „Unsicherheit“ war nach dem ersten Jugendbeirats-Treffen vollkommen verschwunden! Es macht mich sehr glücklich und stolz, so dicht dran zu sein an jeglichen Entwicklungen und Projekten. Ich denke heutzutage kennen viele Jugendliche das Gefühl von Ohnmacht und einer Art von Hilflosigkeit, angesichts aktueller Geschehnisse und Entwicklungen. Etwas zu tun, um genau diese so groß und schwer wirkenden Themen zu verringern, hilft mir sehr gegen diese Gefühle anzukämpfen.

Was denkst du, mit welchen Aktionen oder Inhalten (auf Social Media und im Alltag) können wir das Thema mentale Gesundheit unter Jugendlichen noch besser enttabuisieren? 

Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass das Thema mentale Gesundheit bei Jugendlichen heute schon viel präsenter ist, als noch vor einigen Jahren. Jetzt geht es für mich eher darum mentale Gesundheit weiter zu normalisieren. Also nicht „nur“ darüber zu sprechen, wenn es jemandem gerade schlecht geht, sondern es noch selbstverständlicher in unseren Alltag und unsere Gespräche einzubauen.

„Die Fürstenberg Foundation und unsere Jugendbeiratstreffen sind dafür ein gutes Beispiel. Wir reden bei den Treffen über mentale Gesundheit, diskutieren ernsthaft, lachen aber auch zusammen, entwickeln Projekte weiter oder überlegen uns Social-Media-Inhalte.”

Genau diese Selbstverständlichkeit finde ich persönlich total wichtig und wünsche mir noch mehr davon im Alltag. Es muss nicht immer eine große Kampagne sein, denn wenn jemand offen über seine Erfahrungen spricht, kann das schon so viel ausmachen! Besonders auf Social Media sollte es deshalb nicht immer nur um perfekt verpackte Tipps gehen, sondern auch um echte Erfahrungen. Wenn jemand, der zum Beispiel mit einer Depression kämpft, sieht, dass andere offen und ehrlich darüber sprechen, merkt diese Person vielleicht, dass sie eben nicht alleine damit ist. 

Wenn wir auf Formate wie das Gesprächsangebot REDEZEIT FÜR DICH oder den Newsletter STATE OF MIND schauen: Was denkst du spricht Jugendliche daran besonders an?

Bei REDEZEIT FÜR DICH ist es ganz klar, dass wir dort unsere Zuhörenden selbst auswählen können. Es gibt dort ein Foto und eine kurze Beschreibung zu den Personen. Dies war uns sehr wichtig. Zu Beginn sollte es alles eher über KI laufen und online sein, aber gleich beim ersten Treffen haben wir als Jugendbeirat gesagt, dass wir gerade wegen der Corona-Pandemie es ziemlich satt haben mit Anonymität und mangelnder Menschennähe. Wir wollten echte Begegnungen und Austausch. Ich denke, dass dieser persönliche Kontakt und das aktive Aussuchen den großen Unterschied macht zu anonymen Portalen und Telefon-Hotlines. Unser Newsletter STATE OF MIND ist von uns für uns. Es macht total Spaß und trifft hoffentlich auch unsere LeserInnen, da es wirklich jedes Mal super interessante und wichtige Themen und Texte sind!

Bild: © Fürstenberg Foundation gGmbH, Bertram Solcher

Welche Themen wie Schulstress, Social-Media-Druck, Mobbing oder Zukunftsängste belasten eure Altersgruppe aktuell am stärksten? Wie schaust du dabei auf die aktuelle Zeit und wie würdest du noch darauf reagieren?

Aus der Schule bin ich jetzt erstmal raus, aber ich kann auf jeden Fall aus Erfahrung sagen, dass sie für viele Jugendliche sehr belastend sein kann. Vieles passt nicht mehr so richtig in unsere Zeit oder geht an dem vorbei, was uns tatsächlich beschäftigt. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass Zukunftsängste gerade bei mir in meinem Umfeld eines der präsentesten Themen sind, weil man so schwer wissen kann, was kommt, und so fühlt sich vieles einfach sehr unberechenbar an aktuell.

„Egal ob Beruf, Politik oder Gesellschaft, gefühlt ist alles ständig in Bewegung. Ich glaube, dass genau deshalb viele von uns sich wieder stärker nach Dingen sehnen, die sich echt und irgendwo verlässlich anfühlen, wie authentische Gespräche, engen Freundschaften oder einem Umfeld, in dem man sich eben sicher fühlt.”

Ich glaube, dass viele von uns gerade lernen, mit dieser sich so schnell verändernden Zeit umzugehen und sich neue Sicherheiten zu schaffen.

Welches Projekt, das ihr bisher gefördert habt, hat dich persönlich am meisten begeistert und warum?

Ein Projekt, was mich besonders beeindruckt hat, war die Unterstützung einer Schule, an der es vermehrt Fälle von Essstörungen gab. Die Foundation war gemeinsam mit Sophia Thiel vor Ort und hat dort mit Schülern, Lehrkräften und Eltern zu dem Thema gearbeitet. Ich finde das genau deshalb so beeindruckend, weil es nicht nur darum geht, finanziell zu unterstützen oder sehr allgemein über mentale Gesundheit zu sprechen, sondern wirklich genau dort anzusetzen, wo Jugendliche ihren Alltag verbringen und wo Probleme oft sichtbar werden. Genau das war auch einer unserer Wünsche an die Foundation. Eben nicht nur über Jugendliche zu sprechen, sondern direkt mit ihnen zu arbeiten und vor Ort zu sein. Natürlich kann man solche Projekte nicht sofort an jeder Schule umsetzten, aber genau solche Ansätze zeigen mir, in welche Richtung es ganz klar gehen sollte, und zwar früher anzusetzen und eben genau dort zu helfen, wo Jugendliche ihren Alltag verbringen! 

Wir sprechen gerade vor dem Hintergrund zur Woche der seelischen Gesundheit. Was denkst du, wie können zukünftig vor allem präventiv Angebote so gestaltet werden, dass sich Jugendliche unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sozialem Hintergrund gleichermaßen abgeholt fühlen?

Ich glaube, dass ein ganz wichtiger Punkt ist, dass Jugendliche wirklich mitmachen können und es nicht nur über uns gesprochen wird, sondern mit uns, da wir am Ende selbst am besten wissen, was uns beschäftigt und wie Angebote aussehen müssten, damit sie uns wirklich auf die richtige Art und Weise erreichen. Dabei finde ich es wichtig, Jugendlichen auch Verantwortung zu geben und ihnen etwas zuzutrauen. Sei es durch Mitspracherecht, eigene Projekte oder auch mal durch finanzielle Mittel, mit denen wir selbst etwas entwickeln können.

„Wenn man uns mehr die Möglichkeit gibt, eigene Ideen umzusetzen, entstehen meiner Meinung nach Angebote, die dann eben viel näher an unserer Lebensrealität sind. Gleichzeitig muss man natürlich auch darauf achten, dass solche Angebote nicht nur für eine Gruppe funktionieren, da mentale Gesundheit uns alle betrifft, aber nicht jeder sie auf die gleiche Art und Weise erlebt.”

Deshalb denke ich, dass es nicht das eine Angebot für alle geben kann, sondern unterschiedliche Zugänge, die verschiedenen Lebensrealitäten berücksichtigen.

Was war bisher für dich persönlich die größte Herausforderung bei eurer Arbeit im Beirat? Welche Erfahrungen oder Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man euch praktisch unterstützen wollen würde?

Eigentlich war meine Arbeit im Jugendbeirat bis jetzt nicht wirklich herausfordernd. Wir beschäftigen uns mit einem „ernsten“ und sehr relevantem Thema, aber die Arbeit macht total viel Spaß! Ich glaube, es ist eine ziemlich gute Kombination, ein ernstes Thema ernst zu nehmen, ohne dabei den Spaß an der gemeinsamen Arbeit zu verlieren. Als Jugendlicher braucht man meiner Meinung nach keine besonderen Fähigkeiten, um sich einzubringen. Viel wichtiger ist definitiv die Lust, mitzugestalten, eigene Ideen einzubringen und offen für andere Perspektiven zu sein. Jeder bringt andere Erfahrungen und Ideen mit und genau das macht den Austausch bei uns eben so spannend für uns alle! Als Erwachsener hilft es vor allem, Jugendlichen zuzuhören, ihnen etwas zuzutrauen und ihnen echte Verantwortung zu geben.

Du hast nun gerade ABI gemacht und bist 18 geworden. Mit welchen Gedanken und Gefühlen schaust in die Zukunft? 

Erstmal mit ziemlich viel Aufregung und Vorfreude! Ich weiß noch nicht ganz, was jetzt so kommen soll, aber ich denke, diese Ungewissheit gehört zu meinem Alter gerade auch dazu! Ich merke natürlich, dass mit dem Abitur auch der Druck kommt, Entscheidungen zu treffen. Ich gehe momentan davon aus zu studieren, aber wo und was genau, weiß ich eben noch nicht so richtig… Es ist ein komisches Gefühl für mich, weil ich plötzlich so für vieles selbst verantwortlich bin und so vieles selber nun in der Hand habe und es niemanden mehr gibt, der einem genau sagt, was als nächstes ansteht. Aber ich glaube, wie gesagt, eben auch nicht, dass man mit 18 direkt alles klar wissen muss und einen festen Plan geschmiedet haben muss. Erstmal freue ich mich darauf, neue Erfahrungen zu machen und die Zeit jetzt zu genießen! 

Wenn du einen Wunsch frei hättest: Was müsste sich in den nächsten Jahren in unserer Gesellschaft für die mentale Gesundheit junger Menschen grundlegend verändern? Wie können wir alle noch einen besseren Beitrag dafür leisten?

Ich denke, dass schon vieles auf dem Weg ist! Auch dieses Interview hier ist für mich so ein gutes Beispiel dafür, dass das Thema immer sichtbarer und selbstverständlicher wird.

„Wenn ich aber wirklich einen Wunsch frei hätte, dann wäre es wahrscheinlich, dass junge Menschen von der Politik noch stärker gesehen und vor allem ernster genommen werden. Mentale Gesundheit hängt für mich nämlich nicht nur davon ab, ob es genügend psychologische Angebote gibt, sondern auch sehr nah damit zusammen, wie wir leben und welche Perspektiven wir für unsere Zukunft haben.”

Wir selbst können natürlich auch alle etwas für eine Verbesserung rund um das Thema der mentalen Gesundheit tun, und zwar, indem wir alle mehr zuhören, offen miteinander umgehen, Hilfe nicht als Schwäche ansehen und uns gegenseitig ernst nehmen. Wenn es normal wird, über mentale Gesundheit zu sprechen und wir jungen Menschen gleichzeitig mit viel mehr Zuversicht in die Zukunft schauen können, wäre schon so viel erreicht! 

Carlotta Fell engagiert sich als Mitglied im Jugendbeirat der Fürstenberg Foundation leidenschaftlich für das Thema mentale Gesundheit. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen setzt sie sich aktiv für die Entstigmatisierung psychischer Belastungen ein und fungiert dabei als wichtiges Sprachrohr für junge Menschen. Durch ihren Einsatz trägt sie dazu bei, das Bewusstsein für emotionale Herausforderungen in der Gesellschaft zu stärken. Zudem berät sie die Stiftung tatkräftig dabei, zielgerichtete und zeitgemäße Hilfsangebote für Jugendliche sowie deren Familien zu entwickeln.

Bild: © Carlotta Fell, Fürstenberg
Foundation gGmbH

Mehr zur Arbeit des Jugendbeirats der Fürstenberg Foundation HIER.


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