Wenn man die Leidenschaft hat, schafft man es immer.

Christin Prizelius | 06.12.23 | Interview mit Ulla Lohmann | © Christopher Wesser
Du bist Dokumentar- und Vulkanfotografin. Wie kommt man dazu und was fasziniert dich so an Vulkanen?

Meinen ersten aktiven Vulkan habe ich im Alter von 8 Jahren in Pompeji erblickt und seitdem lässt mich diese Urkraft der Erde einfach nicht mehr los. Ich glaube, mein Vater hat einen großen Fehler gemacht, als er mich damals dorthin mitgenommen hat (lacht). Ich finde es unglaublich, wie klein wir Menschen in Anbetracht der großen gewaltigen Natur sind — wie zerstörerisch die Natur einerseits ist, aber auf der anderen Seite auch was die Vulkane gleichzeitig geben können. Sie schenken einfach auch ganz viel Leben. Ich habe damals als Tellerwäscherin angefangen und mich dann zur National Geographic Fotografin hochgearbeitet. Zunächst habe ich bei einer Expedition für National Geographic als Köchin angeheuert und dann gesagt, dass ich es auch mal selbst machen möchte. Viele Jahre, viel Schweiß, Blut und viele Tränen später habe ich mir dann meinen Traum verwirklicht.

Gibt es etwas, was dich bisher besonders geprägt hat? Wenn ja was war das?

Ich erinnere den Moment, als ich das erste Mal mit 19 Jahren in einen Krater geblickt habe, verglichen mit dem Augenblick, als ich mit acht in einen erloschenen Vulkan in Pompeji geschaut habe. Daraufhin wollte ich mir den Wunsch erfüllen und einmal einen aktiven Vulkan sehen. Mit 18 bin ich dann auf Weltreise gegangen, finanziert mit einem Bundessieg von “Jugend forscht”. Diese Weltreise dauerte schließlich 1,5 Jahre und endete mit dem Besuch des Vulkans Benbow in Vanuatu. Das war ein Moment, in dem ich realisierte, dass noch kein Mensch auf der Welt jemals in einem Vulkan drin war. Also habe ich mir vorgenommen, dass ich dieser erste Mensch sein möchte, der dort hineingeht. Das war sehr prägend.

Bei deinen Reisen und Expeditionen begegnest du immer neuen Menschen, Völkern und Kulturen. Was macht das mit dir, wenn du dann wieder nach Deutschland zurückkommst? Inwiefern verändert einen das vielleicht auch nachhaltig?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Am Anfang fühlte ich mich zugegeben schon ein bisschen verloren. Bei den indigenen Völkern bleibt man nämlich immer irgendwie die Außenseiterin. Da gibt es schon manchmal Momente der Überforderung, weil es durchaus dauern kann, bis man im Dschungel mal eine Zahnpastatube findet. Es passiert, dass man 2–3 Tage rumfragen und überall hinlaufen muss. Das ist dann schon ein Glücksgefühl, wenn man es schafft. Wenn man schließlich aber nach einem dreimonatigen Dschungelaufenthalt wieder zurück nach Deutschland kommt und in jedem Supermarkt diese Überangebote findet, fühlt man sich überfordert. Dieser Konsum hat mich anfangs schon an meine Grenzen gebracht, aber mittlerweile habe ich es ganz gut gelöst, schicke meinen Mann einkaufen (lacht) oder gehe in die Geschäfte, wo es eben einfach nicht so viele Angebote gibt.

„Besonders nachhaltig an meiner Arbeit ist, dass ich gemerkt habe, wie wenig man eigentlich wirklich braucht. Es kommt nicht auf die materiellen Dinge an, sondern viel mehr auf die ideellen.“

Foto: © Ulla Lohmann

Demnach lebe ich auch in Deutschland ein bisschen am Rande der Gesellschaft, mache mein eigenes Ding und hasse einfach das Einkaufen. Auch immer neue Kleidung zu kaufen ist nicht so mein Ding und wenn sind es Sponsorklamotten. Anfangs hat es mich schon sehr mitgenommen zwischen den Welten so zu springen, aber ich habe in jeder Welt meinen Platz. Daher werde ich weder im Dschungel noch bei uns jemals wirklich richtig dazugehören. Also habe ich mir meine Oasen geschaffen, damit ich nicht so viel mit dem ganze Konsumwahnsinn und dieser hektischen Stresswelt zu tun habe. Am Gardasee haben wir zum Beispiel ein Haus, das komplett autark ist: Mit Solarstrom und großem Wassertank und man sieht keine Zivilisation. Mein Sohn geht außerdem in den Waldkindergarten, weil wir aus einem “normalen” herauskomplementiert wurden. Man kann also auch bei uns angepasst an die Gesellschaft leben.

„Man merkt, dass man ein Teil der Natur ist und wir unter der Natur stehen, nicht umgekehrt.“

Besonders nachhaltig ist dabei, dass ich gemerkt habe, wie wenig man eigentlich wirklich braucht. Es kommt nicht auf die materiellen Dinge an, sondern viel mehr auf die ideellen. Familie und Freunde sind viel mehr wert als ein großes Auto und ein schönes Haus. Ich habe realisiert, dass das Leben mit den Urgewalten demütig und ehrfürchtig macht, aber auf der anderen Seite man das Leben auch viel mehr genießen kann und muss, weil es auch jederzeit vorbei sein kann. Wenn so ein Vulkan spuckt, ist schnell alles aus. Man merkt, dass man ein Teil der Natur ist und wir unter der Natur stehen, nicht umgekehrt. Wir sind der Natur Untertanen, auch wenn wir uns nicht so benehmen. Wir müssen auf sie aufpassen, denn sie passt auch auf uns auf.

Du siehst sicherlich die Fragilität unserer Erde nochmal mit ganz anderen Augen. Welche Botschaft transportierst du daher auch mit deinem Wirken?

Ich möchte Menschen zeigen, wie schön die Erde ist, und was uns damit geschenkt ist. Was wir erleben dürfen, aber auch, dass wir auf dieses kostbare Geschenk aufpassen müssen.

Wie und wo muss bei uns Menschen aus deiner Sicht im Großen wie im Kleinen in Zukunft ein Umdenken stattfinden, um unseren Lebensraum zu schützen?!

Ich maße mir nicht an, andere zum Umdenken anzuleiten und ihnen zu sagen, dass sie umdenken müssen, sondern möchte viel mehr, dass die Menschen es selber merken. Ich möchte die Menschen mit schönen Bildern darauf aufmerksam machen, wie besonders und schützenswert unsere Natur ist, und nicht diejenige sein, die mit erhobenem Zeigefinger dasteht und sagt, was sie jetzt machen müssen. Ich glaube wir wissen alle, dass wir handeln müssen, aber viele sind einfach zu bequem oder auch zu hilflos um zu handeln. Ich will sagen, dass jeder kleine Schritt hilft, egal was es ist. Es ist wichtig, dass man den Mut nicht verliert und einfach anfängt, den ersten Schritt zu machen, um etwas gemeinsam zu verändern. Ich möchte andere nicht nur motivieren, meine Bilder anzuschauen, sondern auch dazu selber Fotos zu machen und damit Geschichten zu erzählen. Wenn jeder ein bisschen Müll einsammelt, weniger fliegt und mehr vegetarisch isst, ändert sich schon etwas. Erst recht, wenn wir alle zusammenhalten. Wir dürfen nicht die Hoffnung verlieren, dass man etwas verändern kann. Ich glaube an die Kraft der Geschichten. Ich mache Fotos, erzähle Geschichten und möchte Menschen dabei ermutigen es selbst zu tun. Mit Fotos entsteht die Möglichkeit, die Welt zu vernetzen und auf Missstände aufmerksam zu machen, wie schön etwas ist oder welche Probleme es gibt. Nur dadurch kann man etwas ändern. Wir müssen mehr zusammenhalten und zusammenarbeiten.

Foto: © Felix Rahm (Eisklettern in Österreich)

„Es ist wichtig, dass man den Mut nicht verliert, und einfach anfängt den ersten Schritt zu machen, um etwas zu verändern.“

Was sind aktuell deine Projekte, Workshops etc.? Woran arbeitest du?

Unser aktuelles Abenteuer ist ein Abstecher zum Etna auf Sizilien und dann für einen Film nach Vanuatu, wo mein Sohn Manuk in den Stamm eingeführt wird und es darum geht zu erfahren, wie Vulkanmenschen in Vanuatu leben. Ich habe das Buch „Vulkanmenschen“ herausgebracht, wovon der 1. Teil jetzt verfilmt wird. Danach geht es nach Papua Neuginea. Hier arbeite ich an einem weiteren Buch und einer Ausstellung zum Thema Biodiversität bzw. die letzten Refugien davon. Hier gibt es tief im Dschungel einen ganz besonderen Ort, der auf der Liste als vorgeschlagenes Weltkulturerbe steht. Es wird einfach mehr Aufmerksamkeit gebraucht, damit der Ort aufgenommen wird und Menschen dort von und mit der Natur leben können, vielleicht sogar auch durch Ökotourismus. Ich bin im Winter wieder mit einer Gruppe in Papua Neuginea und Vanuatu, wo wir schon seit Jahren Ökotourismus etabliert haben und so den Menschen eine Einkommensmöglichkeit schaffen – was wiederum verhindert, dass sie Raubbau an der Natur betreiben müssen, den Regenwald verkaufen und für Palmölplantagen abholzen müssen. Wir unterstützen also durch konkrete Lösungsansätze.

Ich bin aber außerdem noch mit weiteren Vulkanexpeditionen zum Stromboli und Etna unterwegs, da gebe ich nämlich absolute Lavagarantie: Wenn man keine sprudelnde Lava sieht, bekommt man sein Geld zurück (lacht). Da gibt es eine Woche lang tolles Essen, 4 Tage Etna, 4 Tage Stromboli, eine tolle Landschaft, Menschen und Vulkane. Das ist mir so ans Herz gewachsen, weil es quasi direkt vor unserer Haustür eine wunderbare Ecke ist, die wiederum ganz anders und fremd ist, weil die Menschen mit der Kraft der Natur leben. In dem Buch „Vulkanmenschen“ habe ich über 13 Vulkane auf der Welt vorgestellt und gemerkt, egal ob Sizilien oder Südsee: Die Menschen haben eine ganz andere Ehrfurcht und empfinden alles auch viel tiefer, weil sie die Natur beobachten müssen. Wir schauen auf die Handy-App, wie das Wetter wird, und diese Menschen dort müssen zum Vulkan schauen und ihn beobachten. Sie sind der Natur ausgeliefert und wir denken, wir können die Natur zähmen…

„Es muss nicht für jeden der Mittelpunkt der Erde sein, aber wenn man eine Leidenschaft für etwas hat, dann schafft man es auch.“

Du sagst, du siehst deinen Beruf als ein großes Privileg, deine Träume und Leidenschaft zu leben und Menschen kennenlernen zu dürfen, die dich inspirieren. Was bedeutet dir das?

Mein Beruf ist für mich eine absolute Berufung. Wenn ich diesen Beruf nicht hätte, würde ich auch nichts anderes machen. Es ist gleichzeitig meine Leidenschaft. Hier passt das Wort, denn es vereint sehr viel. Es hat mit Leiden zu tun, aber auch mit erschaffen. Es ist nicht immer einfach, es fällt mir aber dennoch nicht schwer, weil ich es nicht sehe, da mir mein Beruf so viel Spaß macht. Da sehe ich die stressigen Geschichten anders und nicht unbedingt als Strapazen, wenn beispielsweise mal in der Pampa das Auto kaputt geht und man tagelang vom nächsten Dorf weg ist und da nicht rauskommt (lacht) oder eine Gletscherhöhle einstürzt oder man am Vulkan eben mal 3 Tage ohne Essen auskommen muss. Ich mag diese Mischung und das Abenteuer und könnte mir überhaupt nichts anderes vorstellen. Das sind für mich alles Sachen, die zu meinem Beruf dazugehören. Hinterher sind die Dinge dann aber schon lustiger als wie wenn sie passieren. Ich mag diese Mischung und das Abenteuer und könnte mir nichts anderes vorstellen.

Eine kleine Anekdote am Rande: Man wollte mir zum Beispiel mal eine Rentenversicherung verkaufen und fragte mich, wann ich denn aufhören wolle, zu arbeiten. Ich sagte daraufhin, dass ich noch nie in meinem Leben gearbeitet hätte. Dann war erst einmal Stille am anderen Ende. Das schied also aus. Eine Arbeitsunfähigkeitsversicherung wäre zwar eher interessant gewesen, aber sich in aktive Vulkane abzuseilen, wird in Deutschland leider nicht abgesichert (lacht). Mein Beruf ist meine Berufung, so lange es irgendwie geht. Also hoffe ich, dass es noch ganz lange weitergeht und Geschichten erzählen geht sowieso immer.

Foto: © Sebastian Hofmann (Gardasee / Italien)

Wie wurde „Don’t Dream it – Do it“ zu deinem Lebensmotto und woher nimmst du die Kraft, Stärke und Neugier, immer Neues anzugehen und am Ball zu bleiben?

Weil ich etwas mache, was mich absolut erfüllt und ich Spaß daran habe. Ich habe gemerkt, dass, egal was ich machen möchte, ich es umsetzen kann. Wenn man die Leidenschaft hat, schafft man es immer. Man braucht schon Geduld und viel Zeit, aber ich habe gemerkt, dass ich alles verwirklichen kann, was ich mir in den Kopf gesetzt habe und das ist eine unglaubliche Kraft. Es muss nicht für jeden der Mittelpunkt der Erde sein, aber wenn man eine Leidenschaft für etwas hat, dann schafft man es auch. Das Problem ist, dass viele nicht diese Leidenschaft haben und etwas wofür sie brennen. Das geht in unserer Welt leider immer mehr verloren… Man muss sich diese Zeit nehmen, dass die Leidenschaft einen finden kann. Ich versuche mir jeden Tag 5 Minuten zu nehmen und innezuhalten, einfach nichts zu machen, dazusitzen, in den Himmel zu schauen und Kaffee zu trinken. Und das kann jeder: Sich die Zeit nehmen, dass die Gedanken einen finden können. Das ist so unglaublich wichtig. Aber genau so muss man auch die Ressourcen einplanen. Ich habe von Anfang an 5–10% meines Geldes, was schon viel ist, wenn man gar nichts hat als Studentin, immer zur Seite gelegt für meine Träume. Egal wie wenig es war, ich habe immer etwas gespart.

Das erste Wort, was ich gelernt habe, war: Warum?! Ich musste immer alles hinterfragen. Diese Neugier treibt mich heute an. Die wissenschaftliche Lösung dahinter zu finden ist wie ein Motor, der einen antreibt. Manuk möchte zum Beispiel Erfinder werden und mir ein Fahrzeug bauen, mit dem man direkt zur Magma fahren kann. Das hat er wohl ein bisschen von mir.

Du bist auf Expeditionen in der ganzen Welt unterwegs und erzählst Geschichten von entlegenen und unerforschten Orten. Was ist dein nächster großer Traum?

In der Antarktis gibt es einen aktiven Vulkan mitten im Eis. Diese Gegensätze Feuer und Eis möchte ich nochmal sehen. Das finde ich spannend und das ist gleichzeitig auch nochmal ein Expeditionstraum. Die kleineren Träume, wie entlegene Gegenden zu erkunden und Höhlen zu erforschen, erfülle ich mir ja eigentlich fast täglich. Aber auch es mit anderen zu teilen ist mir wichtig. Ich mache wenig für mich, zwar schon aus Neugier, aber ich möchte dadurch auch Menschen ermutigen, dass sie sich ihre Träume verwirklichen können und ihnen Freude am Leben schenken. Dann hoffe ich, dass die Welt besser wird, wenn nämlich alle die Kraft haben, das umzusetzen und zu erkennen, was sie jeweils möchten. Wenn man selbst nicht glücklich ist, kann man auch andere nicht glücklich machen. Die innere Zufriedenheit kann ganz viel bewirken. Dann kann ich auch anderen etwas abgeben, etwas Gutes für die Natur tun und Gedanken teilen, wie man die Welt bewahren und erhalten kann. Das wünsche ich ganz vielen Menschen…

www.ullalohmann.com


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