Kraft hinter Geschichten Holocaust Überlebender

Christin Prizelius | 27.01.24 | Interview mit Ruth-Anne Damm  | Foto: © ZWEITZEUGEN e.V.
Mit eurem Verein ermutigt und befähigt ihr (junge) Menschen, durch das Weitergeben der Geschichten von Überlebenden des Holocaust selbst zu zweiten Zeuginnen und Zeugen, zu Zweitzeuginnen und Zeugen zu werden, und sich gegen Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen im Heute einzusetzen. Wann hat diese Arbeit begonnen und wie arbeitet ihr? Wie kommt ihr in Kontakt mit Überlebenden und bringt sie zusammen mit Kindern und Jugendlichen?

Angefangen hat alles vor 13 Jahren, gemeinsam mit Freundinnen am Küchentisch. Damals lief zu dem Zeitpunkt eine Dokumentation im ZDF, die die Situation von Holocaust- Überlebenden in Israel zeigte. Zu dem Zeitpunkt lebten dort noch etwa 200.000 Menschen und es stellte sich heraus, dass ein Drittel von ihnen unterhalb der Armutsgrenze leben. Das hat uns sehr beschäftigt und gleichzeitig haben wir uns darüber unterhalten, wie wenig wir eigentlich von Überlebenden nach 1945 wissen. Wir kannten viele Schicksale von Menschen zwischen 1939 und 1945, aber wir haben uns auch gefragt, wer sie davor waren. Viele von denen, die wir im Rahmen unserer Arbeit bisher getroffen haben, sind auch noch die einzigen Überlebenden der ganzen Familie. Da wollten wir auch einfach mal die Frage stellen, wie man danach weiterleben — ob man überhaupt weiterleben kann.

Kann man Menschen überhaupt jemals wieder vertrauen!? Kann man Bildung nachholen, der man beraubt wurde?! Also stellten wir fest, dass wir zu viele Fragen und zu wenige Antworten hatten. So haben wir uns auf die Suche gemacht und 2010 fanden dann die ersten Gespräche in Israel statt. Es folgten 27 weitere in ganz Europa in Ländern wie Polen, Niederlanden, Tschechien, Schweden und Deutschland. Mit der Zeit ist dann nach anfänglicher Skepsis der Überlebenden durch Aufrichtigkeit und das ehrliche Interesse auch Vertrauen entstanden. Uns war aber auch schnell klar, dass wir dieses Wissen nicht für uns behalten, sondern vor allem auch an die jüngere Generation weitergeben wollten. Daraufhin kamen dann auch immer mehr Überlebende auf uns zu. 

Wie waren denn die ersten Reaktionen? Was hat das vor allem mit Kindern und Jugendlichen gemacht?

Wir haben gemerkt, wie viel Kraft hinter den Geschichten und diesem persönlichen Zugang steht. Viele Kinder, Jugendliche und zum Teil auch Erwachsene, sind einfach im Umgang mit diesem Thema überfordert. Wir haben viele Zahlen vorliegen, die schwer greifbar sind. Dadurch, dass wir Geschichten erzählen, baut man eine Verbindung auf. Wenn wir erfahren, wie diese Menschen damals Fußball gespielt haben, dass sie eine Ärztin werden wollten oder wie sie Hausaufgaben gemacht und ihr Haustier geliebt haben, identifizieren sich die Kinder damit. In unseren Workshops behandeln wir u.a. auch die antijüdischen Gesetze, von denen zwischen 1933 und 1942 über 2000 erlassen worden sind, und die das Leben auf brutalste Weise engschränkt haben. Auf diese Weise bekommen Kinder und Jugendliche einen Bezug zu den Menschen und was ihnen passiert ist.

Ich beobachte, dass sich das in den letzten Jahren seit Corona in der Wahrnehmung der Kinder auch nochmal verändert hat. Sie bekommen einen ganz anderen Bezug dazu, wenn etwas auf einmal verboten oder eingeschränkt wird. Der Hintergrund war damals zwar ein anderer, aber wenn ich auf einmal nicht mehr in die Schule gehen darf oder meine Freunde nicht mehr sehen kann, bekommt man schon ein Gefühl dafür. Auch die Bedrohung zu spüren und zu sehen, wie Kriege gefühlt immer näher kommen, verändert durchaus etwas in der Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen. Man muss allerdings unterscheiden zwischen Kindern, die aus einem sehr gefestigten Elternhaus kommen, und denen, die vielleicht selber auf der Flucht waren oder eine heftige Form von Gewalt bzw. Diskriminierung erfahren haben. Diese nehmen manchmal unglaublich viel Hoffnung mit. 

Foto: ZWEITZEUGEN e.V.

„Wenn man es einmal zulässt und sein Herz wirklich öffnet, die Geschichten anhört und sich das Wissen aneignet, dann verändert einen das.“

Ihr sagt, die persönlichen Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden können unsere Gesellschaft verändern. Eure Vision und Mission ist es, jungen Menschen zu helfen, ihre Geschichte zu begreifen. Euer Anteil hieran ist, die Geschichten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht verstummen zu lassen. Was macht das mit dir? Welche Begegnungen sind für dich besonders bewegend?

Das erste Mal, als ich zu einer Zweitzeugin geworden bin, war allerdings noch nicht die erste persönliche Begegnung, sondern die Transkription eines Interviews mit einem Zeitzeugen, Elizer Ayalon, was mich sehr verändert hat. Es war eine sehr emotionale aber auch gute Erfahrung. Irgendwann habe ich mir allerdings einen öffentlichen Ort wie die Bibliothek dafür gesucht, weil mich das zu Hause zu sehr mitgenommen hat. Inzwischen durfte ich nun viele Überlebende persönlich treffen, was nicht allen möglich ist, dennoch bin ich davon überzeugt, dass viele Kinder und Jugendliche zu guten Zweitzeuginnen und Zweitzeugen werden können, selbst wenn sie nicht die Möglichkeit haben sollten, einer Zeitzeugin oder einem Zeitzeugen des Holocaust persönlich zu begegnen. Wenn man es einmal zulässt und sein Herz wirklich öffnet, die Geschichten anhört und sich das Wissen aneignet, dann verändert einen das. Das macht etwas mit einem. In meinem Fall hat es mich auf jeden Fall dazu bewogen, diese Organisation mit aufzubauen. Inzwischen mache ich meine Arbeit sogar im Hauptamt und möchte damit nie wieder aufhören. Was mich immer sehr berührt, sind die Offenheit und die Wärme, die uns entgegengebracht wurden. Aus vielen Begegnungen haben sich sogar Freundschaften entwickelt. Und diese Kraft berührt mich sehr, Menschen wie uns so viel Wärme und Positivität entgegenzubringen.

Du hast auch von Margot Friedländer gesprochen. Sie sagt immer: „Lerne uns kennen, wir sind Menschen.“ Und das lebt sie auch, sie lebt einen offenen Dialog. Sie propagiert in meinen Augen auf eine sehr vorbildliche Art und Weise einander zuzuhören und aufeinander zuzugehen. Sie sagt: „Es gibt kein jüdisches Blut, nur menschliches!“ Diese Worte sind für mich mehr als eine Mahnung, sie sind auch eine Art Motor und Motivation. Es ist mir wichtig, all das weiterzugeben, und nicht mit einem erhobenen Zeigefinger herumzugehen. Wir können sagen, was es mit uns gemacht hat, uns auf diese Menschen und ihre Schicksale einzulassen. Und wenn das dann wiederum auch nur einen kleinen Teil anderer Menschen erreicht und etwas mit ihnen macht, haben wir schon viel erreicht. Daher hoffe ich auf eine Hebelwirkung in positiver Form. 

Foto: Besuch bei Margot Friedländer, ZWEITZEUGEN e.V.

“Wir in Zahlen” hat mich besonders berührt. Magst du uns hier mal mitnehmen und ein paar Zahlen nennen? Wie viele Kinder und Jugendliche habt ihr bereits zu Zeugen und Zeuginnen gemacht? Wie viele Briefe wurden bisher verfasst und wie viele Ehrenamtliche wirken im Verein mit?

Wir haben schon über 23.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland erreicht und sind mittlerweile an einem Punkt angekommen, dass wir jährlich um die 6.000 Kinder und Jugendliche erreichen. Dann haben wir aber außerdem noch über 34.000 Menschen mit unserer Ausstellung erreicht, was ich selber gar nicht glauben kann. Es gibt auch noch die Möglichkeit, Überlebenden und ihren Angehörigen einen Brief zu schreiben. Hier habe ich zwar gerade keine genaue Zahl vorliegen, aber über 13.000 Briefe werden es inzwischen auch schon sein. Unter Youtube „Zweitzeugen — Briefefilm” kann man desweiteren in einem kurzen Film einige Reaktionen von den Empfängern und Empfängerinnen sehen und das ist schon sehr emotional. Eine Frau, es war Chava Wolf, hat zu einem Brief mal gesagt, dass sie so viele Jahre nicht als Mensch gesehen wurde, man es aber mit diesen Zeilen jetzt tut, und dass es das schönste Geschenk ist, was man ihr machen kann. Reaktionen wie diese sind es dann, die einen emotional umhauen. Einige sagten lange, sie möchten in ihrem Leben nie wieder etwas mit Deutschen zu tun haben, und jetzt bekommen sie Briefe mit den Worten “Es tut mir Leid”. Es tut gut, das zu empfangen, und berührt mich sehr.

„Schon kleine Gesten im Alltag können eine Veränderung bewirken.“

Gibt es sprachliche Barrieren und wenn ja wie löst ihr diese?

In diesem Zusammenhang kann ich nochmal eine Zahl ergänzen. Wir haben nämlich aktuell 144 ehrenamtliche Personen, die uns unterstützen. Ohne bürgerschaftliches Engagement würde unsere Arbeit nicht funktionieren. Darunter gibt es welche, die sich im Postamt engagieren und gegebenenfalls bei der Übersetzung Deutsch und Englisch helfen. Übersetzungen waren bisher nur selten notwendig. Aber dann gibt es noch welche, die sich in der Bildungsarbeit beschäftigen, bei Workshops, Social Media oder im Bereich Programmierung helfen. In dem Moment, wo wir alle so betroffen sind von dem, was gerade passiert und seit die Hamas Israel angegriffen hat, fühlen sich viele ohnmächtig. Dabei können alle etwas tun. Schon kleine Gesten im Alltag können eine Veränderung bewirken oder über Engagement in unserem Verein. 

Ich meine Joachim Gauck hat es mal gesagt, dass erinnern weh tut, und das stimmt auch. Das Wahrnehmen unserer aktuellen gesellschaftlichen Situation tut weh! Es könnte einerseits durchaus leichter sein, in einer rosaroten Bubble zu leben und alles links und rechts auszublenden, andererseits möchte ich darauf auch nicht mehr verzichten, wie ich jetzt Menschen sehe und möchte meine Augen nicht verschließen. Oft warten wir darauf, dass etwas Großes im Außen passiert und sich das System ändert, aber jeder und jede von uns kann jeden Tag neue Entscheidungen treffen. Ich denke da an ein Zitat von einem Überlebenden, der sagte: “Um einem Menschen in Not zu helfen, braucht es keine Titel oder Diplome, sondern nur das Herz an der richtigen Stelle!” Daran muss ich oft denken und das ist wie ein leitendes Licht für mich. 

Die ZWEITZEUGEN-Bildungsarbeit basiert auf dem didaktischen Herz-Kopf-Hand-Prinzip, das fachlichen Standards der Holocaust Education entspricht, und das Lernen durch Emotionen fördert. So wird das komplexe Thema Holocaust begreifbar(er) und Brücken zu Antisemitismus heute und zum eigenen Engagement werden hergestellt. Magst du uns hier evt. auch noch ein bisschen etwas erzählen? Wer arbeitet mit daran?

Um das Prinzip ein bisschen mit Leben zu füllen, erläutere ich es gerne. Als Erstes das „Herz“: Wir versuchen einen niedrigschwelligen Zugang über Lebensgeschichten zu bieten und die Herzen unserer Teilnehmenden zu berühren. Wir glauben fest daran, dass das, was wir fühlen das ist, was wir nicht vergessen! Auswendig gelerntes Wissen ist schnell wieder weg und was wir uns wünschen ist, dass die Zeit des Holocaust und Nationalsozialismus niemals vergessen wird und die Menschen niemals vergessen werden. Gleichzeitig ist es uns aber auch wichtig, das mit dem „Kopf” zu verbinden. Die aktuelle Zeit zeigt uns wieder, wie schwarz-weiß wir unterwegs sind und wie wenig wir differenzieren. Wir vermitteln also Wissen über den Nationalsozialismus und was passiert ist, wie alles entstehen konnte und die NSDAP an die Macht gewählt wurde. Wenn wir also sagen, wir möchten durch Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen, müssen wir verstehen, was passiert ist, um eben im Heute zu erkennen, an welchen Stellen wir aufmerksam und wehrhaft sein müssen. Und “Hand“ bedeutet letztendlich Kinder, Jugendliche und Erwachsene in die Handlung zu bringen und zu ermutigen, selbst etwas zu tun und aktiv zu werden. Es ist an dieser Stelle auch nochmal wichtig zu betonen, wie wichtig Kooperationen sind, denn wir müssen alle das Rad nicht neu erfinden, viel mehr im Sinne eines Collective Impacts Seite an Seite zusammenarbeiten.

„Ein Leitbild muss mehr sein als ein Lippenbekenntnis und mit Leben gefüllt werden.“

Foto: ZWEITZEUGEN e.V.

Ihr sagt Wertschätzung, Vertrauen, Respekt, Verantwortung und Vielfalt sind euer Leitbild. Ihr habt vor diesem Hintergrund auch Angebote zur Unterstützung der Selbstreflexion. Wie kann ich mir das vorstellen?

Das ist ein Thema, das sich konstant durch unsere Arbeit zieht. Wir haben keinen eigenen Workshop o.ä. dazu. Der Multiplikationsfaktor spielt hier auch eine große Rolle und dann dazu anzuleiten, sich mit den eigenen Narrativen und Vorurteilen auseinanderzusetzen. Fragen, die man sich stellen kann, sind beispielsweise, ob man sich schon mal mit Antisemitismus auseinandergesetzt hat und wenn ja in welcher Form?! Die Antworten darauf sind mitunter schon überraschend. Bei Kindern und Jugendlichen ist es ein Element des Workshop-Formates, also ein Teil davon. So schauen sie, ohne den erhobenen Zeigefinger im Hintergrund, was mit ihnen selber aber auch dem Klassengefüge passiert. Das Wort Jude und Jüdin wird nach wie vor als Schimpfwort verwendet, was ein Unding ist. Und hier kommt es auch auf die Selbstreflexion an zu erkennen, dass das nicht richtig ist. Das wird also fragenangeleitet, methodisch ‑und bei Erwachsenen auch offensiver- angegangen. Und unsere Werte im Leitbild sind wesentlich, sowohl im Team miteinander, als auch in unserer Arbeit. Respekt und Wertschätzung sind da sehr wichtig. Es muss mehr sein als ein Lippenbekenntnis und mit Leben gefüllt werden. 

Wie finanziert ihr euch?

Wir werden hauptsächlich über Spenden finanziert, u.a. über Stiftungen und andere Förderpartner und ‑Partnerinnen, die wirklich etwas bewirken und bewegen wollen, aber oft auch ergriffen und frustriert sind. Sie wollen etwas Positives bewirken. Das ist viel mehr als eine monetäre Unterstützung. 

„In meinen Augen ist es wichtig, sich als Individuum und Teil des Ganzen zu erkennen und Menschlichkeit wieder Einlass in die Mitte unserer Gesellschaft zu gewähren.“

Ihr sagt, ihr glaubt an eine Welt, in der Menschen nicht aufgrund ihrer Religion, ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder ihrer Sexualität diskriminiert werden. Ihr glaubt an eine offene und vielfältige Gesellschaft ohne Antisemitismus, die sich gegen alle Anfänge menschenfeindlicher Gewalt wehrt. Was denkst du muss passieren, damit sich die Gesellschaft hier wirklich nachhaltig ändern kann?

Ich glaube, dass es wichtig ist im Kleinen anzufangen, und nicht, wie ich vorhin auch schon gesagt hatte, auf Politik oder ähnliches zu warten. In meinen Augen ist es wichtig, sich als Individuum und Teil des Ganzen zu erkennen und Menschlichkeit wieder Einlass in die Mitte unserer Gesellschaft zu gewähren. Wir hoffen daher auch, dass wir präventiv viel bewirken können, bevor sich Vorurteile bilden, und dass man sich Fragen nach Gerechtigkeit und Fairness stellt. Dass wir junge Menschen dabei begleiten, dass sie nicht stumm folgen, sondern aktiv hinterfragen und überprüfen. 

Was ist dir zum Abschluss noch wichtig?

Ich möchte herzlich dazu einladen, auf unsere Webseite zu kommen und sich mit digitalen Storytellings, Podcasts, „Geschichten die bleiben“ etc. zu beschäftigen und selber zu Zweitzeugen zu werden. Alles hilft uns dabei, hier nicht aufzuhören… 

Hier geht es zum ganzen Interview auf YouTube und Spotify.

Ruth-Anne Damm, Geschäftsführung

Erinnerungskultur gestalten. Verantwortung übernehmen.

ZWEITZEUGEN e.V. ermutigt und befähigt (junge) Menschen, durch das Weitergeben der Geschichten von Überlebenden des Holocaust selbst zu zweiten Zeuginnen und Zeitzeugen, zu Zweitzeuginnen und Zweitzeugen zu werden, und sich gegen Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen im Heute einzusetzen.

www.zweitzeugen.de


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