Kennt ihr das, wenn ihr das Gute im Menschen sehen wollt und euch das Ganze am Ende mit voller Wucht um die Ohren fliegt? Genau in diesem Gefühlschaos steckt Susanne gerade, nachdem ihr Traum vom Hofleben nur zwei Wochen vor dem Umzug für sie und ihre Tochter wie eine Seifenblase geplatzt ist. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, nimmt sie uns in dieser Kolumne ganz ungefiltert mit in ihr Gedankenkarussell über falsches Vertrauen, ihre eigene Ungeduld und die schmerzhafte, aber befreiende Erkenntnis, endlich genauer hinzusehen.
Ich glaube an das Gute im Menschen und sehe oft so viel Potenzial vor mir. Und immer wieder fliegt es mir um die Ohren 💥 Wie gerade wieder und so langsam habe ich dafür keine Kraft mehr…
Es fühlte sich an wie ein kleiner Traum: Ein schönes altes Bauernhaus im Grünen mit 3 Hektar Land für unsere zwei Pferde. Es wohnt schon eine Frau mit ihrer Tochter und ihren Pferden da. Das Haus ist ziemlich alt — aber hey, ich komme aus einer Handwerkerfamilie und habe schon ein Haus mit saniert. So what! Wir Frauen hatten eine ähnliche Geschichte — sie schien überfordert mit Land, Tochter und Tieren und ich war wieder in meiner Kraft nach der Trennung. Ich dachte, das passt gut zusammen und wenn wir am gleichen Strang ziehen, bekommen wir das schon hin. Also sehe ich mal wieder Potenzial und lege los: Räume aus, verputze, streiche, streiche, streiche… Das reicht für den Einzug und den Rest machen wir, wenn wir drin sind. Soweit die Theorie.
Pustekuchen!
In zwei Wochen wollten wir umziehen: Unser Umzug und der der Pferde ist organisiert, die ersten Kisten im neuen Zuhause. Dann eskaliert es und die Bedingungen ändern sich von einem Tag auf den anderen. Unsere Meinung zählt auf einmal nicht mehr — die Entscheidung der Vermieterin steht. Für meine Tochter und mich wird der Einzug unzumutbar. Zwei Wochen vor dem Umzugstermin. Unsere jetzige Wohnung ist weitervermietet, die Stallmieten sind gekündigt. Und jetzt?
Aufgeben? Kopf in den Sand stecken? Das hätte ich wirklich gerne einfach getan. Trotzdem hinziehen und sich von Anfang an nicht wohlfühlen? Keine Option!
Obwohl ich mich am liebsten wenigstens einen Tag lang unter der Bettdecke verkrochen hätte oder ein halbes Jahr Weltreise wäre auch schön gewesen. 😬 Ich gebe es zu.
Aber die Uhr tickt und schon läuft mein Funktionieren-Mechanismus los: Was brauche ich und wer kann mir dabei helfen? JETZT! Also Telefon in die Hand und dann ging es los. Ich habe alle Menschen angerufen, die mir wohlgesonnen schienen. Sie haben mitgedacht, in ihren Kreisen geteilt, Links und Kontakte geschickt, Unterstützung und sogar Geld angeboten. Ein so großes DANKESCHÖN an mein tolles Netzwerk. ❤️
Einen Tag später sind die Pferde untergebracht und wir haben eine Option auf ein Haus direkt hier um die Ecke. Die Orga unter Druck macht mir sogar Spaß. Ich liebe Action, Bewegung, Ergebnisse. Dabei fühle ich mich lebendig.
Was mir jedoch keinen Spaß mehr macht, ist das Chaos im ersten Moment. Weil ich auf Menschen vertraue, deren Potenzial ich zwar sehe, jedoch nicht auf wirkliche Taten achte. Nenn mich naiv. Oder vielleicht auch, weil ich einfach schon mal loslaufe. Alles andere fühlt sich für mich wie Stillstand an.
Und das passiert mir auch in Beziehungen und im Job: Am Anfang glaube ich meistens, die Schnittmenge ist groß genug, ich renne los und gebe 100%. Und erwarte, dass mein Gegenüber gleichzieht. Ich sehe uns als gleichberechtigte Partner — gehe jedoch auch von der gleichen Motivation, Geschwindigkeit und Umsetzungswillen aus. Finde meinen Denkfehler 😉 Dann irgendwann kippt meist das Gefälle, es kommt der Cut und ich gehe.
Ich sehe die gemeinsame Vision.
Die Realität trägt sie selten.
Kann sie vielleicht gar nicht, weil ich immer direkt durchstarte.
Warten und Geduld waren noch nie meine Stärken 😆
Doch sind beide Seiten am Ende enttäuscht.
Vielleicht weil die Erwartungen am Anfang nicht klar definiert worden sind?
Könnte eine Lösung sein…
Ich glaube, es wird Zeit, auch anderen Luft zu geben: zum Initiieren, Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen. Vielleicht ist das meine eigentliche Lernaufgabe:
Nicht weniger zu vertrauen.
Sondern länger hinzusehen.
Worte und Potenzial zu lieben, aber Entscheidungen auf Basis von Verhalten zu treffen. Und das am besten zu Beginn und nicht erst als Kurskorrektur.
Einen Vorteil hat das Älterwerden ja dann doch: ich reflektiere mehr, bewerte weniger. Versuche, die Situation wertfrei aus der Vogelperspektive zu betrachten und daraus zu lernen. Und ich bin so dankbar für alle meine menschlichen Spiegel in meinem Umfeld. 🙏🏻
Am Tag meiner Scheidung kam morgens direkt folgender Liedtext in meinen Kopf: “Das ganze Leben ist ein Quiz 🎶 und wir sind nur die Kandidaten”. 😅 So langsam fange ich an, es zu verstehen…
Wir alle wachsen auf in unseren Mustern, in unseren Glaubenssätzen und den Werten unserer Eltern. Und wir alle werden erwachsen und dürfen neu entscheiden, wer wir sein und wie oft wir die gleichen Fehler wiederholen möchten.
Diesen meinen Fehler habe ich wohl nun oft genug wiederholt. Genug Energie verbraten und Chaos weggebügelt, weil ich zu Beginn nicht genau hingesehen habe. Oder nicht klar genug war? Oder von falschen Voraussetzungen ausging?
Doch auch schön zu sehen, was alles passieren kann, wenn sich Menschen mit der gleichen Vision verbinden und gemeinsam ins Tun kommen. Und wie schnell es dann gehen kann. Also drückt mir die Daumen, dass wir Ende des Monats ein Dach über dem Kopf haben 😉
“Et is noch immer jot jejange…”: wie die Rheinländer zu sagen pflegen.
Welchen Fehler hast du oft genug gemacht in deinem Leben? Schreibe es gerne in die Kommentare — so müssen wir vielleicht nicht alle Fehler selber machen 😉
Wir lesen uns in 14 Tagen
Eure Susanne

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