Immer wieder wird Susanne gefragt, ob sie auf ihrem schwersten Weg eigentlich professionelle Hilfe hatte. Die ehrliche Antwort lautet von ihr: Nein – und das, obwohl sie in ihrer tiefsten Krise verzweifelt danach gesucht hat. Wie aus einer geschlossenen Tür vor der Therapiepraxis plötzlich ihr ganz eigener Weg zu sich selbst wurde, erfahrt ihr heute in ihrer Kolumne. Lasst uns an diesem Sonntag darüber sprechen, wie wir unsere eigene Gestaltungsmacht im Leben wieder zurückholen.
Ich teile meine persönliche Geschichte offen und immer wieder kommt dabei die Frage auf: “Hattest du auf deinem Weg keine therapeutische Hilfe?” Nein — die hatte ich nicht und dabei hatte ich genau danach gesucht, als ich damals in mein Burnout gerutscht bin.
Meine Schwester hatte gerade die Diagnose Krebs erhalten, da hatte sie gerade ihr drittes Kind entbunden. In meinem damaligen Job nur Chaos — von unserer kleinen Abteilung war nur noch ich übrig und hielt gleichzeitig drei Stellen am Laufen. Meine Tochter war noch klein und ich völlig am Limit.
In meiner Familie sprach man nicht über Probleme — wir hatten schließlich keine. 🤷♀️ Im Job funktionierte ich normalerweise. Mittlerweile schaute ich einfach im Büro aus dem Fenster, den Tisch voll Arbeit und es ging nichts mehr. Zuhause war ich mehr Zombie als wirklich emotional verfügbar. Nichts ging mehr … Ich war einfach nur durch.
Der Arzt stellte nur diese eine Frage: “Und wie läuft’s im Büro?” Er schaute mich an dabei und wartete auf meine Antwort. Kein sonst so oberflächliches “Na wie geht’s?” wie normalerweise in meinem Alltag. Eine einzige Frage und wirkliches Interesse reichten aus und meine Maske fiel völlig in sich zusammen … oder wie er es nannte: “Akute Belastungsreaktion”.
Er schrieb mich krank und riet mir, therapeutische Hilfe zu holen. Ich telefonierte seine Praxis-Liste noch auf seinem Parkplatz ab. Jeder Anruf mit demselben Ergebnis: “Wir haben keine freien Kapazitäten, können Sie jedoch auf die Warteliste setzen. Drei bis sechs Monate Wartezeit.” Beim letzten stellte ich verzweifelt die Frage, was ich denn tun könne, wenn ich JETZT Hilfe brauche? Ich solle mich einweisen lassen, war die Antwort — sie müssten mich aufnehmen. Mit einem Kleinkind zuhause für mich keine Option.
„Also war ich auf einmal Zuhause. Keine Termine. Keine Uhr. Nur ich und Zeit für mich. Es war wie ein Zwischenraum. Mein Kopf war einfach mal aus. Und ich habe gar nichts gemacht: Ich saß in der Sonne, trank Tee, kaufte Blumen nur für mich und “Schöner Wohnen”-Zeitschriften. Mehr nicht…”
Ich hatte auf einmal Zeit für einen Plausch mit der Floristin, der Bäckerin, dem Kioskbetreiber, mit anderen Müttern morgens in der Kita. Sonst rannte ich durch meinen Tag und war durchgetaktet. Ich sah nicht, wie es anderen Menschen ging — ja nicht einmal, wie es mir selbst ging. Sonst hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal nichts tat. “Erst die Arbeit, dann das Vergnügen” — kennst du vielleicht auch. Dieses Mal nicht. Diese Zeit gehörte fast ausschließlich mir.



Ich fing an, unser Haus gemütlicher zu gestalten. Sonst war ich kaum hier — jetzt wollte ich mich das erste Mal wirklich Zuhause fühlen. Ich fing an zu backen oder neue Rezepte nachzukochen. Hatte wirklich Zeit für meine Tochter unter der Woche. Wir hüpften vor Freude mit Eis durch unsere kleine Einkaufsstraße und hatten einfach nur Spaß zusammen. Ein völlig neues Lebensgefühl.
Und ich wollte verstehen, was mit mir geschehen ist. Keine Therapie in Sicht und ich kannte keinen, der eine ähnliche Erfahrung gemacht hätte. Also kaufte ich mir Bücher zum Thema “Burnout”. Und ich verstand nach und nach, dass ich nicht in dieser Situation gelandet bin, weil Krebs ein A‑Loch ist oder mein damaliger Chef so war wie er war. Nein. Ich bin in diese Situation gerutscht, weil ich viel zu lange meine eigenen Werte übergangen habe. Ich habe getan, was ich dachte, für andere tun zu müssen und mich dabei völlig aus den Augen verloren. Ich habe viel zu oft “Ja” gesagt, obwohl “Nein” die richtige Antwort gewesen wäre. Daran war kein anderer Schuld. Niemand war schuld. Ich war zu lange nicht ich und das führte mich genau zu dieser Pause. Das zu erkennen, war für mich ein riesiges Geschenk — auch wenn es sich im ersten Moment nicht danach anfühlte.
Nach vier Monaten rief doch tatsächlich eine Psychotherapie-Praxis zurück — ich wäre jetzt “an der Reihe”. Ich lehnte ab. Ich war lange schon wieder im Job und viel näher bei mir als bei meinem Anruf bei ihnen. Die Bücher haben mir geholfen zu verstehen. Ich schlug das letzte Buch zu und wusste, dass dieses Kapitel für mich jetzt abgeschlossen ist — jetzt geht es nur noch weiter nach vorn. Und kein Job und kein Chef dieser Welt wird mich jemals wieder in eine ähnliche Situation bringen können. Die Macht hat er nämlich gar nicht — die habe nur ich. 😉
„Ob mich eine Therapie damals zu anderen Erkenntnissen geführt hätte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, was mir geholfen hat: verstehen, fühlen, ausprobieren und vor allem Zeit mit mir selbst. Ich möchte viel mehr verstehen, warum etwas mit mir passiert und warum ich so reagiere, wie ich reagiere. Dafür brauche ich Zeit zum Denken. Zeit zum Fühlen. Ich brauche dafür Zeit für mich.”
Und ich möchte neue Erfahrungen machen, die meine alten Gedanken — die oft gar nicht meine sind, weil ich sie in meiner Kindheit unbewusst übernommen habe — positiv überschreiben. Heute weiß ich: Ich kann nicht kontrollieren, was mir im Leben begegnet. Menschen werden krank. Jobs verändern sich. Menschen enttäuschen uns. Dinge brechen weg.
Aber ich kann entscheiden, wie ich damit umgehe. Wo meine Grenzen liegen. Wozu ich Ja sage. Wozu ich Nein sage. Und ich bewusst merke, wann ich mich selbst gerade wieder aus den Augen verliere. Dafür brauche ich bis heute immer wieder dasselbe: Zeit zum Denken. Zeit zum Fühlen. Zeit für mich.
Verantwortung für mein Leben bedeutet nicht, an allem schuld zu sein. Es bedeutet, meine Gestaltungsmacht nicht abzugeben. Und die gebe ich heute nicht mehr aus der Hand.
Wie ist deine Meinung dazu?
Deine Susanne

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