Gemeinsam für eine bessere Welt

Die große Stille hinter dem Jubel

Christin Prizelius | 20.09.2026 | Kolumne von Christin Prizelius | © Privat

An Sonntagen wie diesem, dem Weltkindertag, fragt Christin sich, warum wir uns die wichtigsten Fragen unseres Zusammenlebens eigentlich immer nur an Jahrestagen stellen. Es gibt diesen einen Satz, der zuverlässig jeden September durch die Redaktionsstuben und Podiumsdiskussionen der Republik weht, pünktlich zum Weltkindertag: „Kinder sind unsere Zukunft.“ Ein Satz wie eine warme Decke, der allen ein gutes Gefühl gibt, aber im Alltag denkbar folgenlos bleibt. Klingt schön, tut keinem weh, passt auf jedes Transparent und lässt sich wunderbar mit Buntdruck auf Recyclingpapier verteilen. Aber während wir Sonntagsreden über Kinderrechte halten, verfällt die Infrastruktur für die Kleinsten in ihren zunehmend. Christin sagt: Wenn wir Kinder wirklich ernst nehmen wollen, müssen wir aufhören, sie als bloße Beitragszahler von morgen zu betrachten, sie politisch indirekt abzustrafen und ihnen endlich den Raum zugestehen, der ihnen zusteht. Was sie im Ausland kürzlich dazu außerdem im Vergleich zu Deutschland erlebt hat und wie sie auf die Zukunft ihrer eigenen Kinder schaut, darüber schreibt sie in ihrer heutigen Kolumne…

Ich erinnere meine Gedanken in den letzten Jahres anlässlich des Weltkindertages. Wir haben es thematisch immer aufgegriffen, mit Kollegen gesprochen, uns ausgetauscht — aber genau so schnell war es dann auch wieder verstummt. Ja, „Kinder sind unsere Zukunft” heißt es überall. Obwohl wir mit Pure & Positive das ganze Jahr über mit Menschen, Vereinen, Stiftungen und Organisationen austauschen, wie man Kinderrechten mehr Raum geben kann, ist es an sogenannten Aktionstagen doch immer etwas einfacher, weil das allgemeine Medieninteresse doch ein anderes ist. Und wenn ich an diesem Morgen am Küchentisch sitze, meine drei Kids beobachte, wie sie verstrubbelt ihr Müsli löffeln, in einem Buch blättern oder in den Garten schauen und parallel durch die Schlagzeilen scrolle, schleicht sich eine leise Wut ein. Denn wenn Kinder unsere Zukunft sind, warum behandeln wir sie in der Gegenwart dann eigentlich wie ein lästiges Nebenprojekt?

Neulich stand ich auf dem Spielplatz in unserer Nachbarschaft. Der Sandkasten ist seit Monaten mit Bauzaun abgesperrt, weil die Stadt kein Geld für die Sanierung der morschen Holzeinfassung hat. Daneben steht ein frisch saniertes Parkhaus, blitzblank, videogewacht, perfekt ausgeleuchtet. Auf dem Weg dorthin hatte ich zwei Schilder passiert: „Spielen auf dem Garagenhof verboten“ und „Eltern haften für ihre Kinder“. Es ist die feine, subtile Architektur der deutschen Gegenwartsgesellschaft. Für Autos wird gebaggert, gebohrt und asphaltiert. Für spielende Kinder wird abgesperrt, verboten und gemahnt.

„Wir feiern den Weltkindertag mit Buntstiften, Hüpfburgen und Sonntagsreden über Kinderrechte. Doch der Alltag spricht eine ganz andere Sprache. Er spricht die Sprache von überlasteten Grundschulen, in denen der Ausfall von Kunst- und Sportunterricht längst zur Norm geworden ist.”

Er spricht die Sprache von maroden Kita-Dächern, fehlenden Erzieherinnen und Eltern, die morgens mit rasendem Puls am Telefon sitzen, weil die Gruppe wegen Personalmangels mal wieder geschlossen bleibt. Er spricht die Sprache einer Infrastruktur, die Kindern auf Schritt und Tritt signalisiert: Bitte sei nicht so laut. Bitte steh nicht im Weg. Bitte funktioniere. Das Problem ist in meinen Augen kein organisatorisches Versehen, sondern ein strukturelles Missverständnis. Wir betrachten Kinder in Deutschland vor allem unter zwei Gesichtspunkten: Entweder als niedliche Niedlichkeitsobjekte für das private Familienglück oder als zukünftige Beitragszahler im Rentensystem. Was dabei völlig verloren geht, ist der Wert des Kindseins im Hier und Jetzt. Ein Kind ist nicht erst dann ein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft, wenn es einen Schulabschluss vorlegt und Einkommensteuer zahlt. Es hat ein Recht auf Raum, auf Zeit, auf Entfaltung – heute, in diesem Augenblick.

„Schauen wir uns die Prioritäten an: Wenn in Krisenzeiten gespart werden muss, trifft es fast ausnahmslos die Schwächsten. Jugendzentren kürzen ihre Öffnungszeiten, Schwimmbäder schließen, Büchereien reduzieren ihren Etat. Während die digitale Transformation in der Arbeitswelt mit Milliardenförderungen vorangetrieben wird, büffeln Kinder in Klassenräumen, die seit den 1980er-Jahren keinen Anstrich mehr gesehen haben und in denen der WLAN-Empfang an ein Wunder grenzt.”

Noch verheerender ist die mentale Last, die wir der jüngsten Generation aufbürden. Kinder wachsen heute in einer Dauerpräsenz von Krisen auf: Klimawandel, Kriege, verunsicherte Erwachsene und die ständige, unkontrollierte Beschleunigung der digitalen Welt. Statt ihnen Schutzräume des Innehaltens und des Zweckfreien zu bieten, haben wir den Leistungsdruck nahtlos in die Kinderzimmer verlängert. Der Terminkalender mancher Achtjähriger liest sich wie der eines Unternehmensberaters: Frühenglisch, Geigenunterricht, Leistungsschwimmen. Wir erziehen Kinder darauf hin, effizient zu sein, statt ihnen zu erlauben, einfach nur zu sein.

Am Weltkindertag fordern Verbände gebetsmühlenartig die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz. Eine wichtige, richtige Forderung. Aber Gesetze auf Papier ändern wenig an den Haltungen im Kopf. Was wir wirklich brauchen, ist eine kulturelle Kehrtwende. Eine Gesellschaft, die kinderfreundlich sein will, darf Kinder nicht als Störfaktor im durchgetakteten Erwachsenenalltag begreifen. Sie muss bereit sein, sich von der Lebendigkeit, der Unberechenbarkeit und ja, auch vom Lärm der Kinder unterbrechen zu lassen.

Wenn meine Kinder abends im Bett liegen und ich das Licht ausmache, fragt der Große mich manchmal Dinge, auf die ich keine einfache Antwort habe. „Wo genau liegt eigentlich der politische Fokus und warum nicht auf uns Kindern?“ oder „Warum ist man in Deutschland eigentlich so „kinderunfreundlich”?“ In solchen Momenten merke ich, wie scharf der Blick von Kindern auf unsere Erwachsenenwelt ist. Sie durchschauen unsere Widersprüche mühelos. Auch die beiden Kleinen schon mit ihren 5 Jahren. Sie merken und spüren genau, wenn wir von Zukunft reden, aber die Gegenwart vernachlässigen.

„Der Weltkindertag sollte kein Tag sein, an dem wir Erwachsene uns selbst dafür feiern, wie sehr wir Kinder schätzen. Er sollte ein Tag des Innehaltens und der Scham sein. Scham darüber, wie wenig wir bereit sind, von unseren Bequemlichkeiten abzugeben, um Kindern den Raum zu schenken, der ihnen zusteht.”

Wir müssen nicht noch mehr Sonntagsreden halten. Wir müssen Spielplätze bauen, Schulen sanieren, Erzieherinnen vernünftig bezahlen und vor allem: Kinder endlich ernst nehmen. Nicht als die Steuerzahler von morgen, sondern als die Menschen von heute. Wenn wir das schaffen, braucht es vielleicht irgendwann keinen symbolischen Gedenktag mehr, um uns daran zu erinnern. Was mir dazu außerdem einfällt, sind Auslandsbesuche in Italien, Österreich, Dänemark und Holland in der nahen Vergangenheit. Wer einmal mit Kindern jenseits deutscher Grenzen unterwegs war, erlebt die hiesige Starre meist noch schmerzhafter.

„In Italien oder Holland braucht es keine offiziellen Aktionstage, um Kindern das Gefühl zu geben, erwünscht zu sein. In den Ristoranti der Toskana stört sich niemand an einem heruntergefallenen Löffel oder einem Kind, das zwischen den Tischen umherflitzt; stattdessen gibt es aufmunternde Blicke, eine extra Portion Pasta und ein Lächeln vom Kellner.”

In den Niederlanden gehört familienfreundliche Infrastruktur nicht zum Verhandlungsmasse-Etat verfallender Kommunen, sondern zum selbstverständlichen Alltag – von durchdachten Radwegen für Laufräder bis hin zu Spielplätzen, die frei von Verbotsschildern zum Verweilen einladen. Während man im Ausland eine warme, gewachsene Kultur des Willkommenseins spürt, begegnet man hierzulande allzu oft einer bürokratischen Kälte, die Kinder zuerst als Lärmquelle und Risiko sieht. Wenn wir verstanden haben, dass Kinderfreundlichkeit kein jährlicher Feiertag ist, sondern eine tägliche Haltung, öffnet sich der Blick für eine menschlichere Zukunft. Wir bauen die Welt von morgen nicht mit Sonntagsreden und Verbotsschildern, sondern mit jedem Spielplatz, jeder Kaffeepause und jeder Straße, in der Kinder heute ohne Angst laut sein dürfen. Es liegt an uns, ihnen eine Gesellschaft zu hinterlassen, die sie von klein auf nicht nur erträgt, sondern mit offenen Armen willkommen heißt.

Wie nimmst du das wahr? Was sind deine Gedanken dazu?

Ich freue mich auf den Austausch dazu,

deine Christin

Du möchtest mich persönlich und unsere Community kennenlernen?

Dann schreibe mir eine Mail an christin@pureandpositive.com und komme unverbindlich beim nächsten digitalen Kaffee in unseren Inner Circle. Ich freue mich auf dich.


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