Susanne schildert heute in ihrer Kolumne, wie frühe Erfahrungen des Alleinseins sie zwar extrem selbstständig machten, aber gleichzeitig ein unerfüllter Wunsch nach Halt und Wahrnehmung zurückblieb. Lange Zeit funktionierte sie durch das Verdrängen eigener Emotionen und Bedürfnisse nach dem Verhaltensmuster, niemanden zu brauchen. Über die Jahre erkannte sie jedoch, dass echte Stärke darin liegt, sich selbst mit allen Gefühlen sowie Grenzen wahrzunehmen und auch Hilfe zuzulassen. Erst durch diese liebevolle Selbstreflexion lernte sie, sich von fremden Erwartungen zu lösen und die eigenen Bedürfnisse wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Diese neue Selbstempathie ermöglicht es ihr heute, auch andere Menschen frei von schnellen Urteilen wahrzunehmen und ehrlichere, tiefere Verbindungen einzugehen. Mehr dazu in ihrem Beitrag…
“Ich sehe dich” — so oft in Filmen zitiert und doch selten wirklich verstanden. Doch was bedeutet es eigentlich, einen Menschen wirklich zu sehen?
Es gab schon früh Momente in meinem Leben, in denen ich mich alleine fühlte: Als Grundschulkind alleine mit dem Bus zum Leistungssport gefahren und im Dunkeln wieder nach Hause. Bei Wettkämpfen und auf der Abi-Feier keiner da, der sich mit mir freute. Für mich war das nichts besonderes und es zog sich weiter durch mein Leben.
Es war eben so. Und vielleicht liegt genau darin etwas, das mich viele Jahre begleitet hat: Ich habe sehr früh gelernt, alleine klarzukommen, selbstständig zu sein, Lösungen zu finden, weiterzumachen. Mich nicht darauf zu verlassen, dass jemand kommt und mir hilft. Das hat mich stark gemacht und sicher auch weit gebracht.
Und gleichzeitig gab es da diese andere Seite: Eine Traurigkeit, die ich lange nicht richtig einordnen konnte. Heute weiß ich: In diesen Momenten hätte ich mir gewünscht, gesehen zu werden. Gehalten zu werden. Dass jemand wahrnimmt, was gerade in mir passiert, ohne dass ich erst darum bitte. Und vielleicht habe ich gerade deshalb irgendwann aufgehört, überhaupt danach zu fragen.
Aber geht es wirklich darum, wie andere uns sehen? Diese Frage beschäftigt mich heute viel mehr: Sehen wir uns eigentlich selbst?
Unsere Gedanken?
Unsere Gefühle?
Unseren Körper?
Unsere Bedürfnisse?
Merken wir, wann wir müde sind — oder trinken wir noch einen Kaffee?
Merken wir, wenn uns ein Mensch nicht guttut — oder erklären wir uns sein Verhalten noch ein weiteres Jahr schön?
Merken wir, wenn wir längst nicht mehr glücklich in unserem Job sind — oder funktionieren wir weiter, weil wir schließlich vernünftig sein müssen?
Merken wir, dass wir eigentlich traurig sind — oder füllen wir unseren Kalender einfach noch ein bisschen mehr?
40 Jahre bin ich durch mein Leben gerannt, habe meine Trauer weggeschoben oder bin zum Arzt gegangen, wenn ich nicht “richtig funktionierte”.



Unsere früheren Erfahrungen prägen, wie wir Situationen bewerten, worauf wir besonders empfindlich reagieren und welche Strategien wir entwickeln, um uns zu schützen.
Bei mir war eine dieser Strategien offensichtlich: Ich brauche niemanden. Ich schaffe das allein.
Ein ziemlich wirkungsvoller Satz. Bis er es irgendwann nicht mehr ist, denn wir sind Menschen. Wir brauchen Verbindung. Wir möchten dazugehören, uns austauschen, berührt werden, gemeinsam lachen, leben. Und uns sicher genug fühlen, um auch einmal sagen zu können: „Gerade schaffe ich es nicht allein.“Und vielleicht ist Stärke manchmal genau das.
Heute sehe ich endlich wieder erst einmal mich selbst. Ich …
… merke, wenn mir etwas nicht guttut. Und höre auf damit 😉
… spreche mit mir, wie ich mit meiner besten Freundin sprechen würde.
… entdecke Dinge, einfach weil sie mir Freude machen.
… umgebe mich mit Menschen, bei denen ich nichts beweisen muss.
… erlaube mir, meine Bedürfnisse zu erfüllen.
… warte nicht mehr darauf, dass jemand anderes mir erlaubt, ich selbst zu sein.
Und dadurch sehe ich auch andere anders.
Vielleicht ist das für mich heute eine der schönsten Veränderungen. Je besser ich mich selbst kennenlerne, desto weniger schnell muss ich das Verhalten anderer Menschen persönlich nehmen. Ich kann neugieriger werden:
Warum handelt jemand gerade so?
Warum hält jemand fest?
Warum zieht sich jemand zurück?
Warum kann jemand keine Hilfe annehmen?
Vielleicht steckt dahinter nicht einfach ein „schwieriger Mensch“.
Vielleicht ist da einfach nur Angst: Die Angst, nicht gut genug zu sein.
Seit ich mich selbst wahrnehme, kann ich auch anders in Beziehung gehen. Ich suche Menschen nicht mehr, damit sie eine meiner Lücke schließen. Ich wähle Menschen, weil wir einander guttun, uns gegenseitig interessieren, inspirieren, lachen, wachsen, streiten, wieder aufeinander zugehen.
Ich sehe dich.
Nicht die Rolle, die du spielst.
Nicht das, was du leistest.
Nicht dein Verhalten.
Dich.
Wann hast du dich das letzte Mal selbst gesehen?
Deine Susanne

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