Gemeinsam für eine bessere Welt

Zwischen Existenzangst und Löwenmut

Christin Prizelius | 28.06.2026 | Kolumne von Christin Prizelius | © Patricia Schumann

Es gibt Tage, da fühlt sich das eigene Leben an wie ein schlecht jongliertes Set aus brennenden Fackeln. Wie bei Christin. Sie hat sich damals schon neben dem Studium selbstständig gemacht, war zu dem Zeitpunkt mit ihrem ersten Kind alleinerziehend und zusätzlich führte ihr Körper einen permanenten Kleinkrieg gegen sich selbst – Diagnose: Autoimmunerkrankung. Viele sagen: „Man wächst mit seinen Aufgaben” — und lächeln dann müde. Die Wahrheit ist aber: Manchmal wächst man eben auch nicht — und trotzdem geht es weiter und man muss funktionieren. Dann ist man einfach kaputt, hat Selbstzweifel, ist vergesslich, liegt nachts wach und starrt die Decke an, während die Angst einem die Kehle zuschnürt. Wie man dann aufsteht und für sich, dieses verdammt schöne Leben, tolle Menschen und Projekte und natürlich die eigenen Kinder Löwenmut entwickelt, nicht aufgibt, sich der täglichen Existenzangst stellt und weitermacht, davon erzählt Christin in ihrer heutigen Kolumne…

Jede dieser drei Lebensvariablen für sich genommen ist doch bereits ein Vollzeitjob, der psychische Stabilität erfordert. Packt man sie alle in einen Topf, erhält man eine hochexplosive Mischung. Zumindest fühlt sich das für mich so an: Selbstständigkeit bedeutet: Keine Arbeit, kein Geld, kein bezahlter Krankheits- oder Mutterschaftsurlaub. Alleinerziehend-Sein bedeutet: Die absolute, lückenlose Verantwortung für das emotionale und finanzielle Wohl eines kleinen (oder mehrerer kleiner) Menschen. Eine Autoimmunerkrankung bedeutet: Mein eigener Körper ist der unberechenbarste Geschäftspartner, den man sich vorstellen kann. Er kündigt die Zusammenarbeit nicht, aber er streikt – spontan, heftig und ohne Vorwarnung. Plötzlich kriecht die Angst hoch und man weint. Es ist dann nicht nur die Angst vor Schmerzen oder der bleiernen Müdigkeit. Manchmal ist es die ganz reale Existenzangst. Schaffe ich die Deadlines? Habe ich an alles gedacht? Alle Mails sortiert? Meine drei Tätigkeitsfelder im Griff, die nur in unterschiedlicher Ausprägung regelmäßig Einkommen bedeuten? Kann ich morgen für meine Kinder das Mittagessen kochen? Was, wenn ich langfristig ausfalle? Wer fängt uns auf? Was, wenn ich mein Herzensprojekt an den Nagel hängen muss?

In diesen Momenten schrumpft mein mühsam aufgebautes Selbstwertgefühl dann auf Erbsengröße. Ich fühle mich in diesen Momenten nicht selten auch mal wie eine Fehlkonstruktion — auch aufgrund hartnäckiger Glaubenssätze aus Kindheitstagen. Man war gefühlt irgendwie nie genug. Die Gesellschaft ‑und auch Social Media- spiegelt uns permanent das Bild der unermüdlichen „Powerfrau“ wider. Wenn man diesem Ideal nicht entspricht, schlägt die Scham gnadenlos zu.

Lange Zeit dachte ich, ich müsste mich einfach nur besser organisieren. Ich las Bücher über Zeitmanagement, trank grünen Selleriesaft, meditierte gegen den Stress und versuchte, die perfekte Work-Life-Balance zu erzwingen. Spoiler: Es funktioniert nicht!

Man kann eine chronische Erkrankung nicht „wrecken“ oder „wegatmen“. Und man kann ein Kind, das Fieber hat, nicht in den Terminkalender pressen. Und auch nicht wegbeamen, wenn die Kita kurzfristig schließt. Ich musste lernen, meinen Selbstwert vom Leistungsgedanken zu entkoppeln. Ich bin nicht weniger wert, weil mein Immunsystem verrücktspielt. Ich bin keine schlechtere Mutter, weil wir an manchen Tagen Pizza bestellen und den Nachmittag vor dem Fernseher verbringen, weil mir die Kraft fehlt. Meine Kinder ‑und auch ich- lernen dadurch etwas ganz Wesentliches: Empathie, Rücksichtnahme und die Gewissheit, dass ein Mensch auch dann geliebt wird, wenn er mal schwach ist, Fehler macht oder nicht so vorgeht, wie es ein anderer vielleicht erwarten würde.

Man kann sich auch keine Kundinnen und Kunden „über Nacht herbeimanifestieren”. Mein Selbstwert war wirklich jahrelang (und ist es ganz leise hin und wieder eigentlich auch immer noch) an meine Leistung gekoppelt — ich bekam das aber auch gespiegelt. War ich produktiv, war ich wertvoll. Ansonsten hagelte es Schelte und Kritik. Funktionierte mein Körper, war ich eine gute Mutter. Erst als der nächste Tiefpunkt mich mal wieder an das Sofa fesselte, verstand ich: Wenn ich meinen Wert als Mensch davon abhängig mache, wie reibungslos ich funktioniere, wie viel ich verdiene und auf allen Lebenssäulen leiste, werde ich in diesem Leben dauerhaft unglücklich und gestresst sein. Und doch wollte ich ja das “Pure und Positive” sehen, leben und in die Welt bringen. Menschen verbinden. Aber auch das ist eine Sache von Mut, Löwenmut. Und auch ein Test, wie sehr man doch an sich und seine Vision glaubt. Wie sicher man im Wind steht und auch Konflikte löst. Wie geht man also um mit dieser permanenten Unsicherheit? Die Antwort klingt paradox, aber sie ist mein einziger Rettungsanker: Radikales Vertrauen. Vertrauen bedeutet in meinem Fall nicht die naive Annahme, dass immer alles glattlaufen wird. Denn das wird es nicht. Es wird weiter Überraschungen geben, Niederschläge, Verluste, Ent-täuschungen.

Vertrauen bedeutet die tiefe Gewissheit, dass ich eine Lösung finden werde, wenn es schiefgeht. Es ist das Vertrauen in meine eigene Resilienz, die ich unfreiwillig, aber erfolgreich trainiert habe.

Ich habe gelernt, mein Leben und mein Business um meine Erkrankung herumzubauen, statt gegen sie zu kämpfen. Das erfordert radikale Ehrlichkeit – mir selbst und meinen Kunden gegenüber. Meine persönlichen Strategien hier: Wenn die Energie knapp ist, wird gesiebt. Was ist JETZT GERADE wirklich wichtig? Die Kinder, die Gesundheit — und ja: zugesagte Termine und Aufgaben. Die saubere Wäsche, der Anruf beim Steuerberater und das fehlerfreie Altersvorsorge-Konzept können auch nochmal einen Tag länger warten. Als Alleinerziehende wollte ich damals auch immer alles allein schaffen. Heute weiß ich: Es ist keine Schwäche, nach Hilfe zu fragen. Ein Netzwerk aus Familie, Freunden, Nachbarn oder Babysittern ist kein Luxus, sondern überlebenswichtig. Und ja, ich habe meine Schwächen, in einigen Bereichen eine Vogel-Strauß-Technik, an der ich arbeite, und mache auch Fehler. Aber das macht mich nicht zu einem schlechten Menschen. Ich darf lernen. Das ist pur, ehrlich, authentisch!

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich keine gebrochene Frau, die unter der Last ihrer Umstände zusammenbricht. Ich sehe inzwischen immer mehr eine Frau, die gelernt hat, im Sturm zu tanzen. Die Angst ist immer noch da. Sie klopft regelmäßig an, besonders wenn die Steuernachzahlung droht oder der Rücken wieder wie Wehen schmerzt. Aber sie sitzt nicht mehr auf dem Fahrersitz. Sie sitzt auf dem Rücksitz und ICH bestimme die Richtung. Die Kombination aus Selbstständigkeit, Alleinerziehen und chronischer Krankheit hat mich verletzlich gemacht, ja. Aber sie hat mich auch unschätzbar stark gemacht. Ich habe ein tiefes Vertrauen in das Leben entwickelt. Ich weiß, dass nach jedem Schub wieder gute Tage kommen. Ich weiß, dass meine Kinder glücklich aufwachsen, weil sie eine Mutter erleben, die authentisch ist, die kämpft, aber auch ihre Grenzen akzeptiert. Wir müssen nicht perfekt funktionieren, um ein erfolgreiches, erfülltes Leben zu führen. Manchmal reicht es völlig aus, weich zu bleiben, wo das Leben hart ist, und sich selbst mit derselben Liebe und Milde zu behandeln, die wir unseren Kindern schenken…

Was sind deine Gedanken dazu?

Du möchtest mich persönlich und unsere Community kennenlernen?

Dann schreibe mir eine Mail an christin@pureandpositive.com und komme unverbindlich beim nächsten digitalen Kaffee in unseren Inner Circle. Ich freue mich auf dich.


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