Kennen wir es nicht alle?! Dinge, die sich anhäufen, uns belasten und im Berufs- und Privatleben unter dem Begriff „Mental Load” eine neue Bedeutung zu bekommen scheinen? Haben wir heute wirklich mehr zu tun als noch von 10, 15, 20 Jahren?! Und warum nehmen Burnout-Symptome zu? Warum klagen immer mehr Menschen über eine „innere Leere”?! Was passiert mit uns?! Warum scheinen wir uns in einer Zeit immer mehr voneinander zu entfernen, wo das WIR doch immer wichtiger wird? Christin beschäftigt sich seit einiger Zeit sehr intensiv damit und ist dabei sehr selbstreflektiert. Genau darüber schreibt sie in ihrer heutigen Kolumne…
Hand aufs Herz: Wann hast du das letzte Mal bewusst etwas nicht getan? Und zwar ohne dich danach heimlich dafür zu verurteilen und schuldig zu fühlen? Wir leben ja irgendwie in einer Welt, die uns permanent souffliert, wir müssten das Gesamtpaket liefern — und zwar in allen Lebensbereichen! Die perfekte Karriere, die glücklichste Beziehung, tolle Kinder, das blitzblanke Zuhause, die strammste Fitness und – ach ja – zwischendurch bitte noch tiefenentspannt meditieren. Unser Alltag gleicht in meinen Augen oft einem Tetris-Spiel auf Highspeed :-).Jede Lücke muss sofort ausgefüllt werden, sonst droht das Game Over.
Wir hetzen von Optimierung zu Optimierung und merken gar nicht, wie uns dabei der Atem ausgeht. Und weißt du, was für mich dabei das Verrückte ist? Ich spreche Männer, Frauen und sogar Kinder und Jugendliche — also wirklich alle Altersklassen — denen es genau so geht, und doch fehlt der Mut, die Kraft, der Impuls, was es auch immer ist, um es anders zu machen. Ich muss aber ehrlich sagen, durch das „gefangen sein” in gesellschaftlichen Normen, sozialen Ämtern Projekten und auch Aufgabenfeldern innerhalb er Familie ist es oft gar nicht so leicht, „einfach auszubrechen”. Viel zu groß ist die Angst vor Kommentaren wie „stimmt etwas mit dir nicht?” Ah, sie liefert nicht, wie gewohnt! Ah, sie ist schwach!
Was früher auf dem Postwege gut und gerne drei Tage gedauert hat, bis man eine Rückmeldung auf sein Anliegen erwarten durfte, bekommt man heute im WhatsApp Chat schon nach wenigen Stunden die Nachfrage, ob denn alles in Ordnung ist. „Ich habe noch gar keine Rückmeldung von dir bekommen!” Ahhh!!! Aber vielleicht bin auch nur ich es!? Vielleicht ist es meine Erwartung und ich denke es in vielen Fällen auch nur, weil ich mir selber den Stress mache.
Die Wahrheit ist: Wer jede Lücke schließt, sperrt auch den Sauerstoff aus!
„Mut zur Lücke“ galt früher als Spickzettel-Strategie für faule Schüler vor der Mathearbeit. Heute halte ich diesen Satz für eine der wichtigsten Überlebensstrategien unserer Zeit. Und zwar nicht als Ausrede für Schlampigkeit, sondern als bewusster Akt der seelischen Selbstverteidigung. Fakt ist: Wir können nicht in allen Bereichen 100% rund um die Uhr leisten! Dafür sind wir einfach nicht gemacht! Ich merke jetzt in den Sommerferien, wo ich immer mehr Abwesenheitsnotizen auf meine EMails bekomme, dass auch ich es mal brauche, runter zu fahren. Mich nach Italien träumen, in die Ferne schauen, priorisieren und ja: auch einfach mal „alle Fünfe gerade sein lassen“. Mir ein leckeres Getränk machen, ein Buch zur Hand nehmen und sich wichtig nehmen.

Wenn ich mal wieder schlechter schlafe, und das nicht wegen der Kinder, ich ins Grübeln verfalle, die innere Unruhe und auch Panik wieder zunimmt, darf ich auf die Bremse treten. Nicht ruckartig, dass es Auffahrunfälle gibt, aber mit einem sanften Blick auf alles. Was habe ich jetzt im Kopf, was Stress macht, aber was darf trotzdem auch bis morgen warten? Mut zur Lücke bedeutet, die To-Do-Liste nicht als Gesetzbuch, sondern als freundliche Empfehlung zu betrachten. Es bedeutet, die Wäscheberge einen Tag liegen zu lassen, den sie sind morgen auch noch da, die ungelesenen Nachrichten im Chat stummzuschalten und die unbeantwortete E‑Mail auf später zu verschieben. Es bedeutet, schlicht und ergreifend zuzugeben: Ich schaffe heute nicht alles. Und das ist vollkommen okay.
Und was passiert, wenn wir diese Lücken zulassen? Zuerst meldet sich vielleicht das schlechte Gewissen, dieses fiese kleine Monster, das uns Effizienz predigt. Doch wer das aushält, erlebt kurz darauf etwas Magisches: Entlastung auf seelischer Ebene. Wenn wir den Druck herausnehmen, alles kontrollieren und erledigen zu müssen, fällt eine unsichtbare Last von unseren Schultern.
In diesen ungeplanten Freiräumen, in den vermeintlichen „Löchern“ unseres Tages, atmet die Seele auf. Hier entsteht Platz für spontane Freude, für Kreativität, für einfaches Dasitzen und In-den-Himmel-Schauen. Die Lücke ist kein Mangel. Sie ist der Puffer, der uns davor bewahrt, emotional an die Wand zu fahren.
Fangen wir also klein an. Mut kann man trainieren. Streiche heute also mal eine Sache von deiner Liste, die nicht lebensnotwendig ist. Und Listen bzw. Notizen sind wirklich wichtig, sie reduzieren das Stresslevel im Gehirn, weil wir uns nicht immer sagen und erinnern müssen: „Ich darf dies oder das nicht vergessen!” Schreib es auf und dann ist es aus dem Kopf raus. Und wirklich mal Mut zur Lücke. Mir hilft der Gedanke, dass meine Sorge in 100 Jahren niemanden mehr interessieren wird. Das relativiert doch schon mal einiges… 😉 Also, lass die Lücke einfach mal stehen. Du wirst sehen: Die Welt dreht sich weiter. Aber du drehst dich mit ihr ein bisschen langsamer – und spürst endlich wieder den Boden unter den Füßen.
Also: Ein Hoch auf das Unperfekte und den Mut zur Lücke! Was sind eine Gedanken dazu?
Ich freue mich auf den Austausch dazu mit dir, schreib mir gerne eine Email!
Deine Christin

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Bild: © Patricia Schumann








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