Wie du Ausnahmesituationen meistern kannst: Das Leben stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, doch die schwersten Momente sind oft die, in denen wir das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren. Wie es gelingen kann, selbst in den größten Krisen die Fäden in der Hand zu behalten und die eigene Würde zu bewahren, zeigt Inge Schumacher in ihrem bewegenden Gastbeitrag über assistierten Suizid (ihrer Eltern) in Deutschland. Mit viel Feingefühl und praktischen Impulsen erklärt sie, wie wir auch in absoluten Ausnahmesituationen selbstbestimmt und handlungsfähig bleiben – bis ganz zum Schluss.
Der Sprung ins kalte Wasser
Krisen gehören zum Leben dazu. Ständig passieren kleine oder große unvorhersehbare Dinge, mit denen du dich auseinandersetzen musst und die dich herausfordern. Manche Ausnahmesituationen fordern dich besonders. Das sind Jobverlust, Krankheit, Tod, Unfälle oder Naturkatastrophen. Diese Situationen erschüttern dich in den Grundfesten. Um sie zu überstehen, brauchst du deine ganze Kraft. Eine derartige Ausnahmesituation startete mit einem Telefonat, in dem meine Mutter folgendes mitteilte: „Papa organisiert gerade unseren Tod“. Das war im März 2025. Mit diesem Satz begann für mich eine herausfordernde Zeit. Mein erster Gedanke war: Dürfen die das? Damit meinte ich den rechtlichen Aspekt. Mir war nicht klar, dass assistierter Suizid in Deutschland legal ist.
Durch erstes Googeln erfuhr ich: Assistierter Suizid ist in Deutschland erlaubt. Wir dürfen mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation, eines Arztes oder einer Ärztin unserem Leben ein Ende setzen. Im Februar 2020 hat das Bundesverfassungsgericht dazu ein wegweisendes Urteil gefällt. Dort heißt es: „Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen (…)und ist als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.“ (Bundesverfassungsgericht 2020). Damit stellt der Staat die Erhaltung des Lebens hinter die Selbstbestimmung des Einzelnen zurück. Meine Eltern haben dieses Recht auf Selbstbestimmung genutzt. Sie waren 84 und 87 Jahre alt und hatten gerade ihre diamantene Hochzeit gefeiert, waren also 60 Jahren verheiratet. Die Begleitung meiner Eltern bei ihrem Ableben war für mich und meine drei Geschwister eine intensive Reise voller Nähe, Kämpfen mit Altlasten und neuer Erkenntnisse. Mein Buch „Dürfen die das? Der assistierte Suizid meiner Eltern“ ist aus dieser Erfahrung heraus entstanden. Es gibt die Orientierung, die mir selbst fehlte und schlägt die Brücke zwischen dem schwierigen emotionalen Abschied und der aktuellen Sterbehilfediskussion. Das Buch enthält viele Informationen, gibt aber keine Meinung vor. Im Gegenteil; es lädt zum Diskutieren ein.
Würde und Selbstbestimmung
Meinen Eltern war Selbstbestimmung und Würde am Lebensende total wichtig. Würde hat einen großen Stellenwert in unserer Gesellschaft und ist deswegen in Artikel 1 unseres Grundgesetzes festgehalten. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. (…) Jeder Mensch besitzt Würde, immer und ohne Bedingungen.“ Auch mein Vater nutzte das Wort „würdig“ in Bezug auf seinen Abschied. Folgender Satz hat er in einer WhatsApp an meine Tochter geschrieben: „Deine Großeltern verzichten auf einige Monate oder Jahre ungewisse Entwicklung der Krankheiten und zunehmende Behinderung und erleben einen geordneten, würdigen Abschied.“
So sah ich meine Eltern aus dem Leben gehen: ruhig, stark, selbstbestimmt und in Würde. Sie taten das, weil es ihnen entsprach und unsere Rechtsprechung das erlaubte. Meine persönliche Meinung zum assistierten Suizid ist und bleibt ambivalent. Trotzdem kann ich am Ableben meiner Eltern nichts Falsches sehen.
Meine ersten Reaktionen
Meine Eltern haben uns ruhig und emotionslos ihre Gründe für den assistierten Suizid dargelegt. Sie waren ganz klar. Meine Mutter hatte eine Vielzahl von körperlichen Einschränkungen, die ihr das Leben schwer machten. Mein Vater war nicht so schlimm betroffen. Therapeutisch ließ sich bei beiden nicht mehr viel machen. Mein Vater war Arzt und konnte das beurteilen. Sie wussten, sie würden bald deutlich mehr Hilfe und Pflege brauchen.
Mit gelegentlicher Unterstützung, wie bisher, wäre der Alltag für sie nicht mehr zu bewältigen. Genau das wollten sie auf keinen Fall. Sie waren so überzeugt von der Richtigkeit ihrer Entscheidung, dass wir Kinder gar nicht erst versucht haben, sie davon abzubringen.
Seit dem Telefonat war ich in Trauer und hatte Schuldgefühle deswegen: Warum trauerte ich, obwohl meine Eltern noch da waren? Das ist Trauer im Voraus. Antizipatorische Trauer nennt sich dieses Phänomen. Durch die Recherche für das Buch habe ich herausgefunden, dass dies eine natürliche Reaktion auf meine Ausnahmesituation war. Trauer ist eine Bewältigungsstrategie und dient langfristig der Heilung.
Ach so, ich bin in einer Ausnahmesituation!
Anfangs habe ich es nicht realisiert, dass ich mich in einer Ausnahmesituation befand. Ich war erstmal damit beschäftigt, mich irgendwie auf diese Situation und was sie bedeutet einzustellen. Dass ich in einer Ausnahmesituation war, merkte ich erst an meinen Symptomen: Ich war…
- nicht mehr belastungsfähig
- oft sehr müde
- vergesslich und
- ich bekam Haarausfall.
Ich beobachtete mich und verstand endlich: Ach so, ich bin im Ausnahmezustand! Diese Erkenntnis war wichtig, denn so konnte ich mir besser selbst helfen. Die Bewältigung dieser herausfordernden Situation verbrauchte so viel Kraft im Unterbewusstsein, dass ich im Alltag kürzertreten musste, um gesund zu bleiben. Hierbei hat mir meine Erfahrung als langjährige Begleiterin von Menschen in Ausnahmesituationen als Heilpraktikerin sehr geholfen. Ich wusste, dass diese besondere Situation auch besondere Maßnahmen brauchte.

Bild: © Inge Schumacher
Selbstfürsorge ist besonders wichtig
In Ausnahmesituationen solltest du besonders gut auf dich achten. Es ist notwendig, Freiräume zu schaffen und ganz bewusst Druck herauszunehmen. Ich habe einige Projekte in meiner Selbstständigkeit auf Eis gelegt und mir selbst Ruhe verordnet. Eine meiner Schwestern ließ sich krankschreiben, als sie merkte, dass sie sich im Job überhaupt nicht mehr konzentrieren konnte. In einer derartigen Ausnahmesituation ist ein gutes Unterstützungssystem aus Familie, Freunden und Kollegen essenziell. Ich habe nur einigen wenigen ausgewählten Personen aus meinem Umfeld von meiner Situation berichtet. Es hätte mich zu sehr belastet, wenn wohlmeinende Menschen sich ständig nach meinem Befinden erkundigt hätten.
Dieses kleine Netzwerk gab mir den Halt, den ich brauchte, um nicht unter der emotionalen Last zu zerbrechen. Diese Menschen haben nichts Besonderes getan. Sie haben mich unterstützt, indem sie einfach da waren. Es ist außerdem eine gute Idee, sich frühzeitig professioneller Hilfe zu suchen.
Ob Ärzte, Trauerbegleitung oder Seelsorge. Es gibt viele Möglichkeiten, Unterstützung zu finden. In einer Ausnahmesituation ist es oft schwierig, selbst tätig zu werden und um Hilfe zu bitten. Auch dabei kannst du dir helfen lassen.
Kommunikation, Kommunikation und noch einmal Kommunikation
Wir vier Geschwister waren in ständigem Austausch. Das war unglaublich wichtig für mich und hat mir viel Halt gegeben. Gemeinsam haben wir viele Fragen diskutiert. Wie zum Beispiel:
- Wie sollen wir die letzte Zeit mit den Eltern gestalten?
- Was ist das Richtige in so einer Situation und was nicht?
- Wie kommen wir selbst klar?
Wir haben es erstaunlich gut hinbekommen, unsere unterschiedlichen Befindlichkeiten mitzuteilen und zu akzeptieren. Die Altlasten, die unsere Familie, wie jede andere auch hat, haben dabei immer wieder für Schwierigkeiten gesorgt. Leider kommen diese Altlasten in solchen Situationen besonders gerne zum Vorschein. Damit umzugehen war nicht immer leicht und hat uns alle sehr gefordert. Meine Geschwister wohnen im Ruhrgebiet in der Nähe meiner Eltern. Sie haben die verbleibende Zeit genutzt und viel Zeit mit meinen Eltern verbracht: Sie haben für sie gekocht und jeden Anlass zum Feiern genutzt. Ich bin, so oft es ging, von Hamburg aus angereist.
Mein Mann und ich haben uns dafür entschieden, unsere drei Kinder frühzeitig zu informieren. Sie waren 24, 21 uns 15 Jahre alt. Da sie sehr feinfühlig sind, hätten sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Wir meinten, sie wären stabil genug dafür. Das konnten meine Eltern nicht verstehen. Sie hätten uns als Kinder wohl vor der Wahrheit schützen wollen. Zwei meiner Kinder haben sich gewünscht, am Todestag dabei zu sein und wir haben sie mitgenommen. Aus heutiger Sicht war das die richtige Entscheidung. Ob das für andere Familien und andere Ausnahmesituationen auch zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Dazu spielen zu viele Faktoren eine Rolle. Hier gilt es abzuwägen und deine Intuition sprechen zu lassen. Ob deine Entscheidung wirklich richtig war, weißt du sowieso erst hinterher.
Mit meinen Eltern habe ich vorher geklärt, was möglich war. Über Gefühle konnten sie nur schwer sprechen, dazu hatten beide keinen Zugang. Ich habe mit ihnen zum Beispiel über biografische Fragen gesprochen und nach Hintergründen für Lebensentscheidungen gefragt. So konnte ich ein paar wertvolle Antworten und Erinnerungen mitnehmen.
Bewältigungsstrategien entwickeln
Sich hilflos einer derartigen Situation ausgesetzt zu fühlen macht alles noch schwerer. Gezielte Aktivität half mir dabei, sie zu ertragen und irgendwann auch zu überwinden. Schreiben war und ist hilfreich für mich. Zuerst habe ich ein digitales Tagebuch genutzt, in dem ich das Erlebte ordnete und festhielt. Nach dem Tod meiner Eltern führte ich viele Gespräche über assistierten Suizid. Es ging meist um ganz praktische Fragen: Was ist rechtlich erlaubt? Wie läuft so etwas ab? Was bedeutet das für die Angehörigen? Diese Gespräche veranlassten mich, einen Blogartikel zu schreiben, den ich kurz nach der Beerdigung veröffentlichte. Die Resonanz war überwältigend: Innerhalb einer Woche wurde er mehr als 3.000 Mal gelesen. Viele meldeten sich bei mir mit ihrer eigenen Geschichte, Fragen und Unsicherheiten. Ich verstand, dass dieses Thema weit mehr Menschen betrifft, und es gab einen großen Bedarf, darüber zu sprechen und sich auszutauschen.
So entstand die Idee, einen erweiterten Erfahrungsbericht zu schreiben. Mit meinen Geschwistern hatte ich das natürlich abgesprochen. Sie waren meine Erstleser und für sie war das Lesen zwar schmerzhaft, aber trotzdem heilsam. Das Schreiben des Buches half mir dabei, die ganze ungeheuerliche Situation zu verarbeiten. Welche Bewältigungsstrategien für dich und dein soziales Umfeld hilfreich sind, solltest du bewusst entscheiden. Rede einfach darüber, denn auch hier kann die Schwarmintelligenz helfen. Wir sind soziale Wesen und nicht dafür gemacht, derartige Krisen allein zu bewältigen. Frag also möglichst frühzeitig nach Unterstützung und tausche dich aus.

Bild: Das Grab meiner Eltern, © Inge Schumacher
Sag trotzdem Ja zum Leben!
Werkzeuge, die dich stabilisieren und dir guttun, sind wichtig. Niemand kann und sollte dauerhaft nur Schweres tragen. Du brauchst gerade dann Momente der Entlastung, des Lachens, der Verbindung und der Freude. Deshalb habe ich nach der Beerdigung meiner Eltern für meine Familie einen Alpaka-Spaziergang organisiert. Diese flauschigen Tiere mit ihrem ganz eigenen Kopf haben uns für einen Nachmittag aus der Trauer geholt. Wir haben gestaunt, gelacht und gemeinsam Zeit verbracht. Solche Momente verändern nicht die Situation. Sie verschieben kurzfristig die Perspektive und geben Kraft. Sie zeigen uns, dass das Leben trotz allem bunt und liebenswert ist. Es gibt unendlich viele Gründe für Dankbarkeit, trotz aller Krisen und Schwierigkeiten. Wir dürfen uns gerne immer wieder daran erinnern.
Die Ausnahmesituation um den Tod meiner Eltern hat meinen Blick für das Wesentliche geschärft. Etwas, das ich in meiner Arbeit mit Menschen, die chronisch krank sind, öfter erlebe: Wer die eigene Endlichkeit annimmt, lebt bewusster. Viele steigen aus dem alltäglichen Funktionieren aus und nehmen wahr, was wirklich wichtig ist: Verbindung, Beziehung oder einfach nur atmen.
Das Leben wird kostbarer und die kleinen Momente gewinnen an Bedeutung. Sie schätzen die alltäglichen Dinge mehr. Diese Haltung stärkt die eigenen Selbstheilungskräfte und auch die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen. Ausnahmesituationen erinnern uns daran, dass nichts im Leben selbstverständlich ist. Und deshalb lohnt es sich, es bewusst, verbunden und so lebendig wie möglich zu gestalten.
Übung für mehr Klarheit in Ausnahmesituationen
Du kennst dich nicht mehr aus. Tausend Gedanken schießen durch deinen Kopf, du gerätst von einer Krise in die nächste und weißt nicht, wie du da wieder herauskommst? Das ist nichts Ungewöhnliches in einer Ausnahmesituation. Idealerweise leben wir im Hier und Jetzt. Unsere Gefühle kommen und gehen. Gefühle haben wir normalerweise nur ein bis zwei Minuten lang. Erinnerst du dich an Glücksgefühle und wie schnell sie wieder verschwinden? In Ausnahmesituationen besteht die Gefahr, dass starke Gefühle sich festsetzen. Du fühlst dich dann wie in einem Hamsterrad, das du nicht anhalten kannst.
Meine Idee dazu: Bring deine Gefühle aufs Papier
Leere deinen Kopf, indem du deine Gefühle auf ein Blatt Papier festhältst.
- Schreib sie links untereinander und lass die rechte Seite frei.
- Sammle zunächst ungeordnet. Wenn du das geschafft hast, mach eine kurze Pause.
- Dann halte auf der rechten Seite die Orte im Körper fest, an denen du diese Gefühle spürst, und beschreibe diese dann. Suche dazu passende Adjektive, wie heiß oder kalt, rot oder gelb, laut oder leise. Damit machst du deine Gefühle greifbar und verortest sie im Körper.
- Lege deine Hand jetzt sanft auf die betreffenden Körperstellen und bitte die zugehörigen Gefühle, deinen Körper zu verlassen.
Du kannst diese Übung immer wieder machen, wenn deine Gefühle dich zu überwältigen drohen…

Inge Schumacher lebt und arbeitet in Hamburg. Sie ist Heilpraktikerin und Expertin für Persönlichkeitsentwicklung. Sie hilft Menschen mit akuten und chronischen Beschwerden die Ursachen für ihre Symptome zu finden und ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Reflexion, Bewusstseinsarbeit und der Umgang mit existenziellen Fragen gehören zu ihrem Alltag. Dennoch hat sie bisher nichts so gefordert wie die Auseinandersetzung mit dem Sterben ihrer Eltern.
Dürfen die das? Über den assistierten Suizid meiner Eltern ist ihr zweites Buch.
Hier geht es zu ihrem Buch.
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Bild: © Inge Schumacher








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