Die Welt hat ein Problem zu lösen!

Christin Prizelius | 20.05.24 | Gastbeitrag über Hektar Nektar von Kathrin Löffel | © Hektar Nektar

„Bisher haben bei uns nur die Computer im Büro gesummt, denn ursprünglich sind wir „digitale Jungs“ und haben eher zufällig zur Biene gefunden.“, sagen Mark und Martin Poreda. Ihr letztes Projekt war die Konzeption, Entwicklung und der Aufbau der Arbeitgeber-Bewertungsplattform kununu – damit konnten sie die digitale Erfahrung sammeln, die ihnen bei Hektar und Nektar zu Gute kommt. Mit anderen Worten: Bis vor Kurzem wussten sie nur aus der „Biene Maja“ über Bienen Bescheid – doch das hat sich grundlegend geändert. Eines Tages kam ein Imker auf sie zu und bat Mark und Martin, ihm zu helfen, sich und seine Leistungen im Internet zu präsentieren – damit war der Grundstein für Hektar und Nektar gelegt. Die digitalen Jungs aus der Stadt hatten dabei viel zu lernen und haben mit jedem Tag mehr über die Imkerei, die Bedeutung der Bienen für unser Ökosystem und die Bedrohungen durch das weltweite Bienensterben erfahren. Die Welt hat ein Problem, das es zu lösen gilt! Aber lest selbst.

„Wieso sind Sie eigentlich hier und nicht auf Ihrer Yacht? Und: Ein bisschen böse bin ich mit Ihnen wegen der schlechten Bewertungen auf kununu.“ So beginnen viele Gespräche mit Mark und Martin Poreda. Letzteres ist auf die Entwicklung der digitalen ArbeitgeberInnen-Bewertungsplattform bezogen. Die ArbeitnehmerInnen geben ihren ArbeitgeberInnen anonym Sterne für die Kommunikation, das Vorgesetztenverhalten und Sozialleistungen. In den meisten Fällen sehr ehrlich. Das kann schon mal wehtun. Dafür haben Mark und Martin seit Beginn von kununu im Jahr 2007 oft gerade stehen müssen. Sie verkauften ihr Start-up 2012 an Xing für zehn Millionen Euro. Darauf bezieht sich Aussage Nummer eins mit der Yacht. Die Brüder mit polnischen Wurzeln und Wiener Kindheit hatten tatsächlich kurzzeitig ein kleines Boot auf der Donau. Aber das haben sie schnell wieder verkauft. Nach dem Exit und dem Verkauf des Bootes gab es viele Ideen, möglichst zügig wieder einzusteigen ins Arbeitsleben. Mit Consulting für andere jungen GründerInnen. Mit einer App zur Urlaubsplanung für Unternehmen oder mit einem Kinderspielplatz, der auch Erwachsenen Spaß macht. Ideen gab es viele. Martin: „Alle Gründer, die ein erfolgreiches Exit hinter sich haben, aber keinen Bruder, tun mir leid. Niemand hat Zeit und ständig das schlechte Gewissen, dass es nicht richtig, wichtig, gut ist, wenn man nur Freizeit hat.“ Sinnsuche par excellence. Für beide Brüder war klar: Sie wollen in ein Produkt Leidenschaft reinstecken, wieder zusammen arbeiten und das mit einer Geschäftsidee, die beide gleichermaßen anspricht.

Bild: Mark und Martin Poreda © Hektar Nektar

Es sollte nicht lange dauern, bis diese Idee beide ergriff. Im Gespräch mit einem Imker kamen sie 2017 auf die Idee, einen digitalen Marktplatz zu gründen, auf dem Bienen ver- und gekauft werden können. Kurze Zeit später wurde Hektar Nektar gegründet. Erfahrung im Aufbau von Netzwerken hatten sie durch kununu schon genug gesammelt. Erfahrung im digitalen Business sowieso. „Wir schauen ganz unromantisch auf die Szene und Probleme, weil wir ganz unbefleckt an die Sache rangegangen sind.“ Denn einen wirklichen Bezug zu Bienen gab es nicht. Je mehr sie aber über die Imkerei, die Biene, das Bienensterben lernten, umso mehr kristallisierte sich die Idee heraus, aus dem digitalen Bienen-Marktplatz mehr zu machen. Der Marktplatz zur Erleichterung der imkerlichen Aufgaben und das PROJEKT 2028, um dem Bienensterben entgegenzuwirken. Sie motivieren Unternehmen dazu, sich im Bienenschutz zu beteiligen, in dem sie ImkerInnen unterstützen. Denn die Honigbiene kann nur mit der Hilfe der ImkerInnen überleben. Sie ist ein domestiziertes Tier und braucht die ImkerInnen, besonders um sie vor der Varroamilbe zu schützen. Der Parasit macht sie anfällig für Pestizide und andere Umwelteinflüsse, da sie das Immunsystem schwächt.

“Jede/r Einzelne profitiert von regionalen Lebensmitteln, blühenden Wiesen und einem funktionierenden Ökosystem.”

Das Hobby der Imkerei war in der Generation Babyboom eher unspannend. Mittlerweile interessieren sich aber wieder mehr Menschen für das Thema. Nicht zuletzt aufgrund der Fülle an Informationen, die durch das Volksbegehren Anfang 2019 losgetreten wurden. Und immer mehr Menschen werden ImkerInnen. So sinkt das Durchschnittsalter stetig – es liegt derzeit bei rund 55 Jahren. Die Einstiegsbarriere bleibt aber hoch. Das liegt zum einen an dem komplexen Thema – denn die Bienenhaltung ist keine einfache Arbeit. Es braucht viel Gespür, Geduld und Wissen. Zum anderen sind die Investitionen gar nicht ohne. Ein Bienenvolk kostet rund 150 bis 220 Euro, die Behausung 150 Euro, Zubehör wie Imkeranzüge, Smoker, Besen, etc 150 bis 200 Euro. Literatur und Zeit für die Recherche gar nicht mit einbezogen. Dazu die laufenden Kosten und spätere große Investitionen wie für die Honigschleuder. Genau an diesem Punkt setzt das PROJEKT 2028 an. Die Anfangsinvestitionen werden von Unternehmen übernommen, die verstanden haben, dass die Imkerei wichtig für die Umwelt und Landwirtschaft ist. Jede/r Einzelne profitiert von regionalen Lebensmitteln, blühenden Wiesen und einem funktionierenden Ökosystem.

Bild: © Hektar Nektar

Hektar Nektar sorgte zu Beginn ordentlich für Wirbel in der alteingesessenen Imkerschaft und die Bienenschutz-Initiative für viel Aufsehen in den Medien. Mitte 2018 beteiligten sich der Deutsche Landwirtschafts- und der Deutsche Bauernverlag am Unternehmen und erreichen mit ihren zwei verkaufsstarken Bienen-Magazinen über die Hälfte aller ImkerInnen in Deutschland und Österreich. Dazu die wachsende Hektar Nektar-Community mit über 5000 BienenfreundInnen aus Deutschland und Österreich. Nicht alles ImkerInnen, aber Menschen mit Herz für die Biene.

Aber zurück zu den Poreda-Brüdern: Mit dem Start ins neue Start-up ist die Geschichte aber weder ausführlich erzählt, noch tatsächlich am Ende. Bis es soweit kam, dass sich Mark und Martin in der Bienenbranche stark machten, gab es mindestens eine Identitätskrise, Ärger beim Verkauf von kununu und eine schlimme Entzündung des Rückenmarks, die Martin beinahe an den Rollstuhl gefesselt hätte. Der Verkauf der zu dem Zeitpunkt 40 AngestelltenInnen starken Firma zog sich über acht Monate hin und zerrte an den Nerven der Gründer. Sie mussten sich auf gute Anwälte verlassen und den Punkt überwinden, dass sie eigentlich gar nicht verkaufen wollten. Die Details sind nicht wichtig, wichtig ist, dass die beiden Brüder heute nicht verbittert zurück sehen, obwohl nicht alles blumig verlaufen ist. Aber auch die Zeit vor dem Verkauf als CEOs von kununu war gar nicht so schön, weil mindestens drei Anwaltsbriefe pro Tag einflatterten, um die Firma – und damit Mark und Martin – auf Rufschädigung zu verklagen. Aber sie handelten nach Gesetz und waren sich ihrer Verantwortung bewusst. Das ist auch bis heute noch die Antwort auf den Vorwurf der schlechten Bewertungen: „Auch vor kununu gab es die Bewertungen schon, aber eben nicht gebündelt. Wir haben sie kanalisiert und es möglich gemacht, als Unternehmen darauf zu reagieren. Wir sind nicht die Bösen. Wir haben eine Lösung geschaffen, aber viele sehen das Problem“, erklärt Martin. Bis 2014 blieben sie noch im Unternehmen. Mit Abstrichen und mit überdimensionalen Zielen. Der Druck tat beiden nicht gut. Es stand nicht mehr die Sache im Fokus, sondern der Umsatz. 2015 dann hat sich der psychische Druck auf den Körper ausgeweitet und Martin lag einen Monat im Krankenhaus.

Bild: © Ted Erski auf Pixabay

Heute geht es dem Sportler wieder gut. Sehr gut sogar. Aber er hat auch viel gelernt. Seine Entspanntheit dehnt sich auf die neue Firma aus: Es gibt eine 4‑Tage-Woche bei vollem Gehalt, ein kleines Team, eine freundschaftliche Atmosphäre mit positivem Feedback sowie konstruktiver Kritik und Aussprachen, wenn nötig. Verbissen oder überehrgeizig sind beide Brüder nicht mehr und haben trotzdem ihre Ziele und Visionen klar vor Augen. Sie ziehen wie schon bei kununu an einem Strang: „Die Klitschko-Brüder sagten mal, dass man nicht nur gegen einen in den Ring steigt, weil der andere immer dabei ist. So geht es uns auch. Wir streiten nicht. Wir haben eine sehr innige Beziehung.“ Trotzdem geht den beiden nichts über die eigenen Familien. Wenn sie das Büro verlassen und zu ihren Frauen und Kindern fahren, bleibt die Leitung zwischen den Brüdern still. Über das Geschäft gesprochen wird erst wieder, wenn die beiden Mädels – Marks zweijährige und Martins achtjährige Tochter – im Bett sind. Ihre Liebe steckt in den privaten Beziehungen – auch zum Bürohund und Boston-Terrier Koko –, im Sport, im Surfen, in langen Spaziergängen im Wald, aber besonders im Aufbau ihres Unternehmens. Ohne drei Anwaltsbriefe pro Tag. Dafür für einen guten Zweck.

www.hektarnektar.com

Infobox zum Bienenschutz:

Der Schutz und die Pflege der Bienen liegen in der Hand der fleißigen ImkerInnen. Ihrem Einsatz verdanken wir gesundes Obst, Gemüse und blühende Landschaften in unserer Region. Als Unterstützer von PROJEKT 2028 honorieren Sie die Arbeit der ImkerInnen und sagen Danke! Gemeinsam mit der Unterstützung von Unternehmen will Hektar Nektar die Bienenpopulation in den nächsten zehn Jahren um zehn Prozent steigern. Zum ersten Mal ist es möglich, flächendeckend ImkerInnen in ihren Bemühungen um unsere Bienen zu unterstützen. Im Rahmen von PROJEKT 2028 schenken wir mit Ihrer Hilfe geschulten ImkerInnen Bienen-Sets und ermöglichen dadurch echte Bienenvölker-Vermehrung. Für die Einbindung von Unternehmen in den Bienenschutz wurde Hektar Nektar 2018 mit einem Innovationspreis ausgezeichnet.

Der gesamte Beitrag wurde in einer vorherigen Ausgabe des Magazins “Pure & Positive” veröffentlicht.

Mehr zum Weltbienentag HIER in unserem Impulsbeitrag.


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