Als erfahrene Apothekerin und selbst Betroffene seit 2002, versteht Ilke Wolf die verschiedenen Facetten von Multiple Sklerose (MS) und ihre schulmedizinische Behandlung. Einfühlsam begleitet sie andere auf ihrem Weg im Umgang mit der Erkrankung — als Mutmacher, Impulsgeber, Lehrer und Pharmazeut gibt sie Vertrauen und Sicherheit. Sie selbst konnte ihre MS mit dem entzündungshemmenden Lifestyle sogar ohne Medikamente stabilisieren. Obwohl sie Apothekerin ist, lebt sie seit 2013 ohne medikamentöse MS-Therapie. Wir haben zum Welt-MS-Tag am 30. Mai mit ihr gesprochen. Sie sagt: „Dein Leben kann schön sein. Egal wo du stehst, du kannst es dir schön machen!”
Liebe Ilke, ich freue mich sehr, dass wir uns anlässlich des Welt-MS-Tages wieder online treffen. Mit welchen Gedanken bist du heute unterwegs? Was hat sich für dich in den letzten Jahren geändert? Wie schaust du auf die Erkrankung und den Umgang damit?
Wenn man es jetzt ganz platt formulieren will, würde ich sagen: Es fängt im Kopf an und hängt alles miteinander zusammen! Da passt auch dieses ganzheitliche Konzept ganz gut, welches ich persönlich in meiner Arbeit verfolge. Multiple Sklerose muss immer ganzheitlich gesehen werden. Wir haben, wenn wir in diese Diagnose-Maschinerie reinkommen, erst einmal nur den medizinischen Teil, der auch wichtig ist, also die Betreuung durch Fachpersonal, Neurologen etc. Sobald es aber um die Alltagsdinge geht, wie Ernährung und wie organisiere ich meinen Alltag, was darf ich, was darf ich nicht und worauf muss ich achten etc., steht man oft alleine da. Und darum geht es ja schließlich die meiste Zeit in unserem Leben. Genau diese ganzheitlichen Themen bediene ich in meiner Arbeit seit vielen Jahren. Dabei kristallisiert sich immer mehr raus, dass die innere Haltung, also die Ruhe in sich, in sich selbst gefestigt zu sein mit oder trotz MS, entscheidend ist. Wenn das gegeben ist, hat man mehr Kraft für eine gesunde Ernährung, sich ordentliche Bewegungsroutinen anzueignen und damit zu beschäftigen, was man zusätzlich braucht.
„Das lernt man aber in der Regel nicht von seinen Eltern oder in der Schule, sondern dafür muss man selbst eigeninitiativ interessieren. Dazu gehört: Wie bleibe ich stark, wie kann ich meine Resilienz stärken, um mit dieser Krankheit und was die Krankheit vielleicht auch mit sich bringt, umzugehen und trotzdem in meinem Leben fest zu stehen und nicht im Sturm umgeweht zu werden.”
Dazu gehört es, Probleme zu hinterfragen, sich mit seiner Verdauung zu beschäftigen und was man für sein Immunsystem tun kann. Das passiert alles erst, wenn man in sich die Ruhe hat und nicht in einer Angst- oder Panikschleife mit Zukunftsangst hängt, was MS gerade am Anfang alles auch mit sich bringt. Das lernt man aber in der Regel nicht von seinen Eltern oder in der Schule, sondern dafür muss man selbst eigeninitiativ interessieren. Dazu gehört: Wie bleibe ich stark, wie kann ich meine Resilienz stärken, um mit dieser Krankheit und was die Krankheit vielleicht auch mit sich bringt, umzugehen und trotzdem in meinem Leben fest zu stehen und nicht im Sturm umgeweht zu werden. Dafür brauchen wir unsere mentale Stärke und das kristallisiert sich in meiner Arbeit auch immer mehr raus. Am Anfang will man das alles nicht sehen, aber es ist ja auch ein Entwicklungsprozess mit MS. Wenn man aber nun mit jemandem spricht, der die Diagnose frisch bekommen hat, kann ich sagen: Das ist das Fundament bzw. die Basis für ein glückliches Leben mit der Krankheit.
Das finde ich sehr schön, dass du das sagst. Man kann es lernen. Aber wenn man diese Diagnose bekommt, egal in welchem Alter, haut einen das ja erstmal um...
Ja, das geht bis hin zu Todesangst, Panik und Existenzangst. Wenn du so eine Diagnose an den Kopf geballert bekommst, weißt du ja erstmal überhaupt nicht, was los ist, und das ist ein hochgradig traumatisierend, je nachdem, wie du auch betreut wirst oder es dir gesagt wird. Da gibt es ja auch die schlimmsten Geschichten. Das kann einen erstmal umhauen.
Wie beobachtest du die Verläufe? Werden die Patientinnen und Patienten jünger? Hat sich da etwas verändert mit der Zeit?
Nach meiner Wahrnehmung nicht. Das muss aber nicht viel heißen. Es kommt ja auch darauf an, wann es diagnostiziert wird. Bei mir hat es zum Beispiel alleine schon Monate gedauert.
Hast du ein paar Tipps, wie man sich selber beruhigen kann? Was sind denn die ersten Tools, oder Werkzeuge im Alltag, wenn man nicht weiß, welchen Verlauf man hat? Wie kommt man wieder in seine Kraft?
Wenn ich mit einem „neu Diagnostizierten” spreche, ist das Allerwichtigste erst erst einmal, die Angst zu sehen und die ganzen Sorgen, die dahinter stecken. Das ist real und das wegzudrücken oder sich abzulenken, ist aus meiner Sicht eher schädlich. Das kommt irgendwann wieder hoch, vielleicht in einer Panikattacke o.ä. Zu sehen, dass es schon ein Schlag vor den Kopf sein kann. Ich versuche dafür den Impuls zu geben und den Gedanken zuzulassen: Jetzt ist es alles ganz schlimm bis hin zur Orientierungslosigkeit und nicht zu wissen wohin, wieso, weshalb und was mache ich jetzt, ist ganz normal.
„Du weißt nicht, was in der Zukunft liegt, aber du kannst in dem Moment ganz, ganz viel dafür tun, es in richtige Bahnen zu schieben.”
Hier erst einmal die Ruhe zu finden und nichts zu überstürzen, ist wichtig. Oft ist diese Diagnoseschleife ja auch ganz schlimm und wenn noch Cortison dabei ist, wissen viele nicht weiter, weil einen das mental komplett matschig werden lässt. Also wenn man jetzt denkt, ich habe plötzlich Depressionen o.ä., kann das auch am Cortison liegen. Man darf sich in diese empfindlichen Phase erlauben, die Ruhe zu finden, nichts überstürzen und nicht der Angst blind folgen, sondern zunächst fragen: Was brauche ich denn?! Ich persönlich gebe dann durch meine Vorbildgeschichte das Beispiel, dass es sich auch gut entwickeln kann. All das sieht man im ersten Moment nicht. Du weißt nicht, was in der Zukunft liegt, aber du kannst in dem Moment ganz, ganz viel dafür tun, es in richtige Bahnen zu schieben. Dazu gehört u.a.:
- Sich zu fragen, was hat mich denn jetzt so gestresst?
- Was hat dieses Fass zum Überlaufen gebracht?
- In welcher Situation befinde ich mich gerade?
- Habe ich hochgradig Stress?
- Ernähre ich mich vielleicht auch nicht so gut?
- Habe ich Konflikte?
- War es irgend ein stressiges Ereignis, ein Umzug, ein Verlust oder Ähnliches?!
- Hatte ich ausreichend Erholung und Schlaf?
Hier wäre es also hilfreich, zu hinterfragen, was im eigenen Leben vielleicht gerade belastend oder einschneidend war. Dafür hat man neben einer Therapie einige Werkzeuge zur Verfügung. Bitte alles ganz langsam und sich sanft durch Selbstverantwortung, Selbstreflexion und Selbstwirksamkeit um seine Gesundheit kümmern. Ich finde das Motto des diesjährigen Welt-MS-Tages „Jetzt erst recht!” dafür sehr bestärkend. Für jemanden, bei dem das gerade neu diagnostiziert wurde, kann es auch eine Chance sein, um sich ein besseres Leben zu gestalten. Das ist möglich und ganz ehrlich, ich höre das gar nicht mal so selten von den Patienten, mit denen ich arbeite. Dafür möchte ich ein Mutgeber sein. Natürlich ist es ein Batzen, der da auf einen zukommt, aber alles immer in kleinen Schritten. Denn: Wie isst man einen Elefanten, Christin? (lacht)
In Scheiben?! (lacht)
Genau, Stück für Stück!
Es ist ja auch so leicht gesagt, denn es ist schließlich ein Prozess, wie du selbst sagst. Jeder ist anders, es ist die Krankheit mit 1000 Gesichtern. Und wie du einleitend auch schön gesagt hast, kannst man es lernen, damit umzugehen. Und es nicht als einen Kampf gegen etwas anzusehen, sondern als: Okay, das ist jetzt ein Warnschuss aus irgendwelchen Gründen, vielleicht genetisch bedingt, durch Umweltfaktoren, meine Lebensweise. Aber es anzunehmen und zu erkennen, dass man damit durchaus ohne große Einschränkungen alt werden kann und es in der Hand hat, kann sicher schon helfen… Ich weiß zwar nicht, was morgen ist, aber ich bin heute im Hier und Jetzt und schaue, was ich selbstwirksam und eigenverantwortlich dafür tun kann, dass es mir gut geht.
Jetzt gibst du dein Wissen weiter als Pharmazeutin/ Apothekerin, hast also auch den medizinischen Hintergrund. Du hast aber gesagt, man muss es ganzheitlich sehen, kann es also auch alternativ und natürlich begleiten und muss nicht diesen klassischen pharmazeutischen Weg gehen. Was sollte man dabei berücksichtigen?
Ziehen wir mal einen Vergleich und schauen uns eine kranke Pflanze an: Was braucht diese Pflanze in der Regel erstmal nicht und was kann ich alles von ihr an Stressfaktoren wegnehmen, damit sie sich besser entwickeln kann? Stress ist dabei ein sehr diffuses Thema oder, dass man sich innerlich unwohl fühlt. Zusätzlich haben wir vielleicht auch von klein auf an negative Gedankenmuster gelernt. Wiederkehrender Stress und Perfektionismus haben so viele Menschen in sich oder, dass man sich selbst immer antreibt und sagt: machen, machen, machen! Wir sollen uns einbringen und dürfen körpereigene Bedürfnisse wie Hunger, Durst, auf Toilette gehen etc. erst berücksichtigen, wenn es fast zu spät ist. Wir sind darauf konditioniert, das eigene Körpergefühl zu unterdrücken. Das dürfen wir wieder mehr bzw. auch neu lernen.
Wie finden dich die Menschen und kommen in deinen „Schubfrei-Club”?
Der ‚Schubfrei-Club” ist eine Gruppe. Das schreckt vielleicht erstmal viele ab, aber aus meiner Sicht liegt dort das Potenzial! Einmal für Menschen, die gerade neu diagnostiziert worden sind, weil sie dort alles fragen oder besprechen können, was jetzt so im Alltag auftreten kann, wie:
- Was ist der bessere Weg?
- Wie soll ich mich entscheiden?
- Was darf ich mal ausprobieren?
- Was sind eure Erfahrungen?
Das befruchtet sich gegenseitig, gerade weil es relativ gut durchmischt ist, und sehr, sehr viel Erfahrung gegeben ist. So werden viele Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Und ich begleite es zusätzlich als Mentorin. Mich macht es zum Bespiel sehr traurig, wenn ich höre, dass es jemandem nicht gut geht und er oder sie nicht mehr laufen kann. Wir geben dann Hilfestellung, wie man damit umgehen kann, wie man das positiv angehen kann, wo der Weg hinaus ist und nicht weiter rein. Das ist mein Anspruch in dieser Gruppe, was es auch von vielen anderen Gruppen unterscheidet. Die Gruppe an sich ist buchstäblich „rückenstärkend”, wenn jemand gerade eine schlechte Zeit hat.
Und dann geht es außerdem um Resilienztrainings, Persönlichkeitsentwicklung mit Multiple Sklerose, wie gehe ich mit schwierigen Situationen um oder wie trainiere ich meine Persönlichkeit, so dass ich stark bin oder werde. Ob ich jetzt MS-Symptome habe oder Stress im Job. Diese Persönlichkeitsentwicklung kannst du ganzheitlich nutzen, um in dir zu ruhen. Das ist die Gruppe. Dadurch ist es natürlich günstiger, aber ich biete auch 1:1 Beratungen an. Das ist passend, wenn jemand Angst davor hat, sich in der Gruppe zu zeigen. Das läuft in einem sehr privaten Rahmen und intensiver auf allen Ebenen.
Mehr zum „Schubfrei-Club” HIER

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„Am Anfang ist es sowieso wichtig, das würde ich immer sagen: Ruhe reinzubringen! Ruhe, Ruhe, Ruhe! Der Fokus ist bei mir immer, die Gesundheit zu schützen, und Medikamente können dabei ein Werkzeug sein, aber eben nicht ausschließlich. Ich persönlich nutze es jetzt gerade zwar nicht und sage, man kann die Gesundheit auch ganzheitlich beruhigen, aber jeder steht woanders.”
Wenn du jetzt mit deinem pharmazeutischen Wissen auf unser Gesundheitssystem in Deutschland sowie alternative Heilungsmethoden, Heilpraktiker, Supplements bzw. Nahrungsergänzungsmittel schaust, wie beobachtest du den Stand? Hat sich da etwas getan?
Das System hat sich in meinen Augen zwar noch nicht groß verändert, aber die Menschen haben sich verändert. Menschen, die zu mir kommen, wollen sich nicht ausschließlich auf die klassischen Therapieansätze rund um die 20–30 Medikamente, die es aktuell gibt, verlassen. Ich selbst nehme ja auch keine mehr. Ja, Medikamente sind ein Sicherheitsnetz, aber auch eine gute Ernährung ist ein Sicherheitsnetz, eine gute Bewegungsroutine ist ein Sicherheitsnetz. Keine Mängel zu haben, u.a. durch Nahrungsergänzungsmittel (allerdings nicht wahllos, sondern ganz kontrolliert durch Bluttests etc.) sind ein Sicherheitsnetz. Ein gutes Stressmanagement ist ein sehr, sehr starkes Sicherheitsnetz sowie ‑noch viel stärker- ein guter Schlaf und eine gute Verdauung. Medikamente sind also ein Teil, aber es gibt so viel mehr.
Nicht alle Netze sind stabil, aber je mehr man hat, um so besser. Wenn du z.B. eine hochaktive MS hast, nutze Medikamente, um dich zu schützen, aber bleib auch bei dir und vertraue deinem Gefühl. Es muss nicht gleich das erste Medikament zu dir passen. Wenn die Lebensqualität eingeschränkt wird, die Nebenwirkungen so heftig sind oder sich auch vielleicht im Laufe der Zeit entwickeln, geh direkt zum Arzt und frage, ob das die richtige Medikation ist. Am Anfang ist es sowieso wichtig, das würde ich immer sagen: Ruhe reinzubringen! Ruhe, Ruhe, Ruhe! Der Fokus ist bei mir immer, die Gesundheit zu schützen, und Medikamente können dabei ein Werkzeug sein, aber eben nicht ausschließlich. Ich persönlich nutze es jetzt gerade, wie gesagt, nicht und sage, man kann die Gesundheit auch ganzheitlich beruhigen, aber jeder steht woanders.
Hast du beim täglichen Einkauf vielleicht auch zwei, drei Tipps, wie man das positiv beeinflussen kann, auch für den schmalen Geldbeutel?
Das Einfachste wäre schon mal, die ganzen Fertigprodukte wegzulassen. Das ist natürlich ein Schritt, aber alles, was irgendwie natürlich ist, ist besser und gesünder. Also eine Basisernährung, manche sagen „wie Großmutter gekocht hat — oder wahrscheinlich eher Urgroßmutter in der heutigen Zeit (lacht)- und vieles selber im Garten anzubauen, kann schon ein erster Schritt sein. Hier kann man für sich sehr, sehr viel tun, was außerdem Geld spart. Dann nimmt dir nicht jeder Arzt automatisch den Vitamin D‑Spiegel ab. Das kostet vielleicht auch nochmal um die 30€, aber das im Blick zu behalten, ist ebenfalls wichtig. Je nachdem, wie der Wert dann ist, gewichtsspezifisch und ob wir Sommer oder Winter haben, sollte man einen guten Vitamin D Wert von 40/50 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) anpeilen. Das ist erstmal wichtig, damit die MS nicht schlimmer wird. Ein Mangel kann immer dazu führen, dass sich Schübe entwickeln. Hier sollte man also zunächst einmal seinen Alltag hinterfragen.
Und dann kann man es an Geld knüpfen, aber man kann es auch an Spaß knüpfen. Also über die Frage: Wie gestalte ich meinen Alltag und was lasse ich über Netflix, Fernsehen, Radio, Social Media etc. in mein (geistiges) System?! Das ist wieder die mentale Stärke oder Entwicklung, von der wir schon sprachen, und zu erkennen, was das mit mir macht:
- Wo will ich überhaupt hin?
- Wer will ich sein?
- Wie will ich meinen Alltag gestalten?
- Was ist es, was ich wirklich liebe?
Da kann man schon gucken und viel ausrichten. Es muss ja nicht einmal in der Woche Kino oder Essen gehen sein, sondern das, was mir wirklich gut tut. In der Regel sind das ganz einfache Sachen wie spazieren gehen, bewusst atmen oder die Schönheit jetzt gerade im Frühling in der Natur zu genießen. Also alles Sachen, was die Menschen schon vor hunderten von Jahren gemacht haben. Sich auf diese Basis zu konzentrieren und sich nicht immer von allen Ecken und Enden etwas verkaufen zu lassen, ist schon hilfreich. Und sich zu fragen, was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Das ist nämlich etwas, wo ich inzwischen ganz empfindlich bin. Wir werden von klein auf an zu Kaufmaschinen erzogen und sich diesem Marketing zu entziehen, kann ein weiterer Schritt sein. Was sind meine Bedürfnisse? Was sind meine Werte und was brauche ich wirklich, um ein erfülltes Leben zu führen?

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Und an antientzündlichen Lebensmitteln?
Wenn du antientzündlich leben möchtest, kannst du, wie gesagt, erstmal viel Geld sparen, indem du viel von dem, was dir verkauft werden soll, nicht kaufst. Hier kann man sehr kreativ sein. Wenn man zu zuckerhaltig isst, darf man auch hinterfragen, ob das nicht eine Art Coping-Strategie ist (Anm. d. Red.: Bewältigungsstrategien als psychologische Verhaltensweisen und Denkprozesse, mit denen man auf Stress, Krisen oder Belastungen reagiert). Man kann bei einer veganen Ernährungsweise allerdings auch viel „verschlimmbessern”. Es geht immer um ein gesundes Gleichgewicht.
Eine antientzündliche Ernährung enthält hauptsächlich unverarbeitete Lebensmittel hoher Qualität, die möglichst selbst zubereitet werden. Dazu gehören vor allem:
- Obst und Gemüse als ballaststoffreiche Basis.
- Gute Fette, z. B. Olivenöl oder Omega-3-reiche Lebensmittel, statt Omega-6-reichem Sonnenblumenöl.
- Die meisten Menschen essen zu wenig Protein und unterschätzen die Folgen für Muskulatur und Regeneration. Deshalb gehören Fisch, Eier, aber auch Fleisch (eher unverarbeitet statt Wurst) sowie – wenn gut verträglich – Hülsenfrüchte und Milchprodukte dazu. Gerade bei tierischen Produkten machen Herkunft, Fütterung und artgerechte Haltung einen großen Unterschied in der Qualität und können sich bei einer antientzündlichen Ernährung auszahlen.
- Zucker- und glutenhaltige Lebensmittel können kritisch hinterfragt werden: Tragen sie in der konsumierten Menge wirklich zur Gesundheit bei?
- Auch eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme wird häufig unterschätzt. Mindestens 30 ml Wasser pro Kilogramm Körpergewicht helfen dabei, Nährstoffe gut zu transportieren und Stoffwechsel- sowie Entgiftungsprozesse zu unterstützen.
- Lebensmittelverbote sind meist nur im individuellen Fall sinnvoll und sollten nicht pauschal ausgesprochen werden.
- Gelassenheit gehört ebenfalls dazu. Sich wegen einzelner „Ausrutscher“ verrückt zu machen oder ständig perfektionistisch zu sein, nimmt oft die Freude am Essen und Kochen.
- Ergänzend kann eine antientzündliche Ernährung durch Omega-3-Fettsäuren unterstützt werden – z. B. über fettreichen Fisch oder hochwertige Omega-3-Öle aus Fisch oder Algen.
Man kann da jetzt auch eine Wissenschaft draus machen, aber wenn man kein Ernährungs-Crack ist oder werden will, reicht es oft schon, auf Natürliches zurückzugreifen. Mit Obst, Gemüse, gesunden Fetten und tierischen Produkten ‑aber nicht hoch verarbeitet sondern aus guter, gesunder ethischer Haltung und mit bester Qualität- ist man schon auf der sicheren Seite. Und dann kann man zusätzlich individuell gucken: Bist du beispielsweise jemand, der einen Eisenmangel hat, dann kannst du das mit der Kombination aus Haferflocken mit Orangensaft oder mit Fruchtsaft/Smoothie statt mit Milch auffüllen. Auch da würde ich sagen: Locker bleiben!
Und dann kommen ja noch die Medien hinzu: Wenn unser ganzes Nervensystem ohnehin immer auf Dauerbeanspruchung und Reizüberflutung ausgerichtet und konditioniert ist, können da ja irgendwann nur die Sicherung durchbrennen.
Genau Christin, das ist der Punkt! Der meiste Stress, den haben wir im Kopf durch unsere Muster und diese Muster zu hinterfragen, also wahrzunehmen, und neue Wege zu finden, führt letztendlich zu einem entspannteren Leben.
Jetzt im Mai unterstützen wir zusammen die Aktion „The May 50K — leave your limits behind”, eine globale Spendenaktion für Menschen mit MS. Lass uns bitte auch darüber noch kurz sprechen.,
Ja, also ich hänge etwas hinterher, mir meine Sachen aufzuschreiben (lacht), aber mein Tracker nimmt es für mich auf. Die 50 km habe ich auch schon geknackt, vielleicht schaffe ich ja auch noch die 100km in diesem Monat. Ich würde gerne noch mehr zu Fuß unterwegs sein und Spaziergänge machen, aber da sind wir wieder beim Alltag. Am Schreibtisch zu sitzen und dann 20 Minuten draußen zu sein und durchzuatmen, tut so gut. Das muss gar nicht mal schnell sein, sondern einfach wirklich bewusst durchzuatmen, ist wieder dieses Zentrieren, von dem wir schon gesprochen haben. Das tut mir gut, aber ich mache es leider viel zu selten. Wir haben hier ja ein tolles Team gebildet, von dem du ja auch ein Teil bist. Diese „The 50K-Challenge” ist eine wunderbare Möglichkeit und ein super Ansporn, es jetzt wirklich mal zu machen! Und dann noch für einen guten Zweck!
„Finde Wege, dein Nervensystem zu beruhigen, dass du dich in dir selbst wohlfühlst und das, was dir gut tut, regelmäßig zu praktizieren und dir das zu erlauben. Es hat sehr viel mit Erlaubnis zu tun, das „Ich kann doch jetzt nicht nur an mich denken!” zu überwinden. Raus aus dem Müssen, rein ins Sein. Und das fängt in unserem Kopf an.”
Wenn wir auf die letzten 10–15 Jahre zurückgucken, auch seit du damit lebst und damit auch arbeitest und Menschen begleitest, was ist heute im Jahr 2026 möglich und wie schaust du auf dieser Grundlage in die Zukunft im Umgang mit dieser Erkrankung? Was hat sich da getan?
Bleib bei dir! Sich selbst wiederfinden, zentrieren und nicht immer im Außen zu sein, ist elementar. Wir lassen uns alle vom Außen verrückt machen durch Werbung, Konsum, Ängste oder andere Menschen, die etwas Unbedachtes sagen. Da eine gewisse Schicht „zwischen zu schieben” und zu merken, hier bin ich, das bin ich und ich stehe hier selbstbewusst, das ist mein Leben, kann entspannen. Es ist nicht euer Leben hier draußen, lieber Arbeitgeber, liebe Familie, liebe Werbung, sondern zu wissen, was man braucht und wie bzw. nach welchen Werten man leben will, kann zusätzlich stärken. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt. Man muss das nicht alles toll finden, aber aus diesem Kampfmodus rauszukommen und lernen zu unterscheiden, das ist mein Reich und so mache ich das, und dann selbstbewusst ins Außen zu gehen, ist eine gesunde Basis. Dieses „erst die anderen, dann ich” ist auch so ein Glaubenssatz, der sehr viel Energie abziehen kann. Und das wirklich zu hinterfragen und neu zu strukturieren, hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern das ist aktive Selbstfürsorge.
Und du musst nicht zwangsweise meditieren gehen. Manche glauben, oh, um den Stress zu reduzieren, muss ich jetzt meditieren. Ja, wenn du es gerne machst, aber und kannst auch andere Wege finden, um dein Nervensystem zu beruhigen. Finde zu dir, dass du dich in dir selbst wohlfühlst und die Zeit, das, was dir gut tut, regelmäßig zu praktizieren und dir das zu erlauben. Es hat sehr viel mit Erlaubnis zu tun, das „Ich kann doch jetzt nicht nur an mich denken!” zu überwinden. Raus aus dem Müssen, rein ins Sein. Und das fängt in unserem Kopf an. Es beginnt mit einer Entscheidung. Meine Gesundheit ist mir wichtig und wenn ich gesund bin oder so gesund bleibe, wie ich jetzt bin, kann meine Familie auch davon profitieren.
„Es ist nicht vorbei! Dein Leben wird schön sein, wenn du es dir selbst schön machst. Und du kannst es machen! Wirf es nicht weg, resigniere nicht. Egal wo du stehst, du kannst es dir schön machen!”
Welche abschließenden Gedanken hast du noch, vielleicht auch, was wir noch nicht angesprochen haben?
Das ist jetzt vor allem gerichtet an die Menschen, die die Diagnose MS vielleicht gerade erst bekommen haben: Es ist nicht vorbei und du kannst lernen, dir selbst dein bestes Leben ‑auch mit dieser Krankheit und begleitenden Symptomen- selbst zu gestalten. Selbst wenn das jetzt unvorstellbar für dich ist, kannst du lernen, dich darauf einzulassen. Wenn du dich wirklich auf dich konzentrierst, auf deine Bedürfnisse und dich selbst wertschätzt, ist das möglich und manchmal auch ganz einfach. Es ist nicht vorbei! Wirf dein Leben nicht weg, resigniere nicht. Dein Leben wird schön sein, wenn du es dir selbst schön machst!
Das ganze Interview mit Ilke Wolf gibt es bei uns im Podcast in einer Special-Folge #74

Ilke Wolf ist eine engagierte MS-Mentorin, die Betroffenen zeigt, wie sie trotz der Diagnose Multiple Sklerose ein selbstbestimmtes und positives Leben führen können. Auf ihrem Blog „MS mit Ilke“ teilt sie wertvolle Erfahrungen sowie alltagstaugliche Tipps und schafft so eine Plattform für Austausch und Inspiration. Als Gründerin des „Schubfrei Clubs“ hat sie eine Gemeinschaft ins Leben gerufen, die den Fokus auf ganzheitliche Gesundheit, Ernährung und mentale Stärke legt. Ihr Ansatz kombiniert persönliches Mentoring mit fundiertem Wissen, um MS-Patienten dabei zu helfen, proaktiv mit ihrer Erkrankung umzugehen.
YouTube: www.youtube.com/@mitilke
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Schubfrei Club: www.mit-ilke.de/schubfrei-club
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Bild: © Ilke Wolf







