Alle Kräfte müssen mobilisiert werden.

Christin Prizelius | 17.02.24 | Interview mit Tatjana Kiel | © Klitschko Ventures
Ihr prangert in eurem Buch „Gestohlene Leben – Die verschleppten Kinder der Ukraine“ die ungeheuerliche Kriegstaktik der Deportationen ukrainischer Kinder nach Russland an. Darin kommen mutige Kinder und Jugendliche zu Wort. Magst du uns ein Beispiel nennen?

Die Geschichten packen einen emotional, weil sie von harter Realität berichten. Aber sie vermitteln auch Hoffnung, denn diese Kinder können uns von dem Erlebten erzählen, weil wir sie zurückholen konnten. Wir lesen von großem Mut, wie z.B. der 17-jährigen Maria, die nicht aufgegeben hat, nach ihrem 11-jährigen Bruder Artem zu suchen, nachdem sie durch Pflegeeltern getrennt und auf russisches Gebiet geschickt wurden. Sie sind endlich wieder vereint und ihr entschlossenes „Nie wieder wird mir jemand Artem wegnehmen“ war sehr berührend.

Seit Beginn des Angriffskrieges sind bereits Tausende ausländischer Kinder Zwangsadoptionen, Umerziehungsmaßnahmen und Isolation ausgesetzt. Die Dunkelziffer ist sicher noch viel höher. Euer Anliegen ist es, darauf aufmerksam zu machen, die Kinder wiederzufinden, zu retten und die Familien wieder zusammenzuführen. Hier arbeitet ihr auch mit einer Anwältin zusammen. Wie genau können wir uns das vorstellen? Wie versuchte man die Kinder zu finden und zurückzuholen?

Wir wissen von 20.000 verschleppten Kindern, weil sie von ihren Angehörigen als vermisst gemeldet wurden. Unsere Partnerorganisation “Save Ukraine” kann teilweise über offizielle Anfragen herausfinden, wo die Kinder sind, weil die Kinder teilweise noch ihre Handys haben. Ein kritischer Faktor ist die Zeit, denn je öfter die Kinder die Camps wechseln, desto schwieriger wird die Suche. Die Organisation der Rückholung ist komplex, es bedarf offizieller Dokumente und der Ein- und Ausreise von russischem Gebiet über Drittstaaten und der Kontaktaufnahme mit den Camps.

Du sagst, dass der Weg, den die Mütter und Großmütter antreten, um ihre Kinder zurückzuholen, gefährlich und mit großen Strapazen verbunden ist. Für die, die es geschafft haben, gibt es nach der Rückkehr psychologische Betreuung. Es wird u.a. darüber berichtet, dass Kinder durch diese unfassbare psychologische Kriegsführung verständlicherweise absolut Vertrauen in sich selbst verloren haben. Wie und wo läuft hier die Hilfe ab? Welche Rolle spielen dabei „Hope & Healing Centers“?

Es können aus rechtlichen Gründen nur Angehörige oder Vormunde die Kinder abholen. Das sind meist die Frauen, weil Männer in Gefangenschaft geraten könnten. Auch für die Frauen ist es sehr stressig, vielleicht müssen sie weitere Kinder daheim zurücklassen, bis sie wieder zurückkehren. Es ist ein Trauma für alle verwirklicht. Auch die Zusammenführung ist sinnvoll, denn die Kinder sind zutiefst verunsichert, wenn ihnen vorher im russischen Camp eingetrichtert wurde, dass ihre Familien sie nicht mehr haben wollten. Zu den Rückholaktionen gehört deshalb das Angebot, sich psychologische Hilfe zu holen in den Hope & Healing Centern.

“Wir hatten den Wunsch, den verschleppten ukrainischen Kindern eine Stimme zu geben, damit ihre Geschichten gehört werden.”

Euer Buch ist am Weltkindertag erschienen. Warum dieser Tag? 

Es geht uns mit dem Buch um Aufklärung. Der Weltkindertag macht auf die Not von Kindern in vielen Teilen der Welt aufmerksam und wir hatten den Wunsch, den verschleppten ukrainischen Kindern eine Stimme zu geben, damit ihre Geschichten gehört werden. Der Tag war aber nur der Auftakt, seitdem läuft unsere Kampagne #BringBackTheKids, die aufklärt und um Unterstützung wirbt, damit wir mehr Kinder zu ihren Familien zurückbringen können.

Foto: © Klitschko Ventures

Was hat sich vielleicht auch schon wieder Positives in den letzten Wochen seit der Veröffentlichung ergeben? Konnten weitere Kinder zurückgeholt werden?

Dank der Spenden, die wir von Privatpersonen und Unternehmen erhalten, kann “Save Ukraine” weitere Rettungsmissionen koordinieren. Wir haben gerade weitere Kinder zurückholen können, sodass es jetzt 200 sind, die mit ihren Familien vereint werden konnten. Jedes einzelne Kind zählt!

Alle Fälle werden für die Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag detailliert dokumentiert. Parallel ruft ihr dazu auf, nachhaltig zu helfen. Was kann und muss Deutschland weiterhin tun?

Damit wir etwas bewegen können, müssen alle Kräfte mobilisiert werden, Gesellschaft, genauso wie Politik und Wirtschaft. Deshalb lenken wir die Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Kinder. Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft zusätzlich für dieses Verbrechen herangezogen werden. Was wir dafür tun können ist alle Fälle der Kinder detailliert protokollieren zu lassen, damit sie der Anklage dienen können.

Wladimir Klitschko, du und alle anderen, die an diesem Buch mitgewirkt haben, berichten sehr emotional, wie das alles auf euch/sie gewirkt hat. Wie kann man euch, #Weareallukrainians, #SaveUkraine und eure gesamte Arbeit als Privatperson im Kleinen wie im Großen unterstützen? Was können wir alle tun?

Jede und jeder kann helfen, verschleppte Kinder zurückzuholen. Das gilt für die Unterstützung durch private Spenden genauso wie von Unternehmen. Hoffnung zu vermitteln und gestohlenes Leben zu retten, kann dabei zum Geschenk werden. Ab einer Spende von 30 Euro gibt es als Dankeschön ein gestiftetes Armband mit der Gravur „BringBackTheKids“. Für Unternehmen heißt das beispielsweise, dass sie die Armbänder an ihre Teammitglieder und Mitarbeitenden als Symbol für die gemeinsame Hilfsaktion überreichen können. Wenn ihr das lest und mitmacht – vielen Dank dafür!

Foto: © Oetinger Verlag, Bundesweiter Vorlesetag, Buchvorstellung “Wil der Wolkenstürmer”: Tatjana Kiel, Carmen Udina, Christin Prizelius

Das Buch:

„Gestohlene Leben. Die verschleppten Kinder der Ukraine“.

Die Einnahmen und Honorare der Autorinnen und Autoren fließen zu 100 in die Hilfsprojekte für die verschleppten Kinder.

Infos zum Hilfsprojekt und Spendenmöglichkeiten bei #WeAreAllUkrainians und #BringBackTheKids: 

www.weareallukrainians.de




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