Kennst du das Gefühl, vor einer folgenschweren Weggabelung zu stehen und dir nichts sehnlicher als eine magische Vorschau auf die Zukunft zu wünschen? Gerade wenn große Lebensentscheidungen anstehen, suchen wir oft verzweifelt nach absoluter Gewissheit und perfekten Garantien. Doch die wirklich prägenden Momente unseres Lebens zeichnen sich gerade dadurch aus, dass das Endergebnis völlig offen bleibt. Anstatt stundenlang alle Eventualitäten im Kopf durchzuspielen, sollten wir uns deshalb viel öfter auf unsere eigene innere Stärke verlassen. Schließlich liegt die wahre Kunst des Lebens nicht darin, niemals Fehler zu machen, sondern darauf zu vertrauen, jeden Weg jederzeit wieder neu korrigieren zu können. Darum geht es bei Susanne in ihrer heutigen Kolumne…
Ich hätte gerne manchmal eine Glaskugel. Nicht für die Lottozahlen. Obwohl — die würde ich natürlich auch nehmen… Sondern für diese Momente im Leben, in denen eine Entscheidung ansteht und man am liebsten vorher kurz nachschauen würde, wie die Geschichte ausgeht.
Soll ich gehen oder bleiben? Soll ich Ja sagen oder Nein? Soll ich kündigen? Mich selbstständig machen? Dieses Gespräch führen? Mich auf diesen Menschen einlassen? Die Idee wirklich umsetzen? Einmal kurz vorspulen, Ergebnis anschauen und dann zurückkommen und entscheiden. Das wäre praktisch, oder?
Ich habe lange versucht, Entscheidungen möglichst gut abzusichern — ich bin Strategin. Ich kann analysieren, Szenarien entwickeln, Risiken abwägen und ziemlich lange darüber nachdenken, was passieren könnte, wenn ich A, B oder C mache. Das gibt einem ein gutes Gefühl — nur leider keine Garantie.
Einige der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens habe ich getroffen, ohne auch nur ansatzweise zu wissen, wie sie ausgehen würden:
Mit 16 bin ich von zu Hause ausgezogen. Ich hatte keinen Masterplan für mein Leben. Ich wusste nur, dass ich meinen eigenen Weg gehen wollte.
Ich habe meinen sicheren Job aufgegeben kurz nach der Elternzeit und als frischer Eigenheimbesitzer, ohne eine neue Option. Weil ich wusste, dass mein Weg hier zuende ist.
Viele Jahre später habe ich mich selbstständig gemacht. Auch da wusste ich nicht, ob genügend Aufträge kommen würden, ob ich davon leben kann und wo mich dieser Weg hinführen würde.
„Und dann gab es Entscheidungen, die noch viel weniger mit Zahlen und Plänen zu tun hatten: Menschen loszulassen, Beziehungen zu verändern, Dinge zu beenden, obwohl ich lange gehofft hatte, dass sie doch noch anders werden. Und immer wieder neu anzufangen.”
Keine dieser Entscheidungen kam mit einem kleinen Zettel, auf dem stand: „Keine Sorge, alles wird gut.“ Manche haben mir sogar verdammt viel Angst gemacht und trotzdem habe ich irgendwann entschieden.
Rückblickend glaube ich, dass ich lange etwas verwechselt habe: Sicherheit und Gewissheit. Gewissheit bedeutet: Ich weiß, was passieren wird. Diese Gewissheit gibt es bei vielen wichtigen Entscheidungen nicht. Sicherheit kann aber auch etwas ganz anderes sein. Die Sicherheit, dass ich mit dem umgehen kann, was kommt. Dass ich mir vertraue. Dass ich meinen Weg korrigieren darf. Dass ich eine Entscheidung treffen kann und sie nicht für den Rest meines Lebens verteidigen muss, nur weil ich sie einmal getroffen habe.
Das hat für mich unglaublich viel verändert, denn plötzlich muss ich nicht mehr alle Eventualitäten kennen, bevor ich losgehe. Ich darf entscheiden und dann herausfinden, was daraus wird.



Vielleicht funktioniert eine Idee nicht. Vielleicht entpuppt sich ein vermeintlicher Traumjob als völliger Fehlgriff. Vielleicht passt ein Mensch doch nicht zu mir. Vielleicht führt mich ein Weg irgendwohin, wo ich niemals hinwollte.
Dann entscheide ich wieder neu — das ist für mich heute Selbstbestimmung. Nicht immer die richtige Entscheidung zu treffen, sondern mir selbst zuzutrauen, mit meinen Entscheidungen zu leben und jederzeit wieder eine neue treffen zu können.
Vielleicht entsteht deshalb vieles im Leben überhaupt erst, nachdem wir uns entschieden haben:
Wir lernen einen Menschen erst wirklich kennen, wenn wir Nähe zulassen.
Wir erfahren erst, ob uns etwas erfüllt, wenn wir es ausprobieren.
„Wir entdecken Möglichkeiten erst, wenn wir uns bewegen.”
Und manchmal müssen wir einen Weg ein Stück gehen, um festzustellen, dass wir einen anderen nehmen möchten. Früher hätte ich darin vielleicht einen Umweg gesehen. Heute denke ich: Das ist Leben.
Wir können nicht alles vorher wissen und vielleicht müssen wir das auch gar nicht. Mut bedeutet für mich heute deshalb nicht, ohne Angst loszugehen. Und auch nicht, überzeugt davon zu sein, dass alles gut wird. Mut bedeutet, mir selbst genug zu vertrauen, um eine Entscheidung zu treffen, obwohl das Ergebnis noch offen ist.
Und genau deshalb brauche ich heute keine Glaskugel mehr. Für die Lottozahlen würde ich sie immer noch nehmen.
Aber für mein Leben möchte ich lieber selbst entscheiden, wie es weitergeht.
Wie siehst du das? Ich freue mich auf den Austausch dazu mit dir,
deine Susanne

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